04.05.2016, 15:58 Uhr

5 Minuten Wien: Auszählen für Fortgeschrittene

WIEN. "Du hast Grün gewählt." – "Du hast Blau gewählt." – "Du wieder Grün." – "Und du wieder Blau." Das ist der innere Monolog, der sich dieser Tage aufdrängt, wenn in der Früh auf dem Weg zur Arbeit der Blick auf die Entgegenkommenden fällt oder man sich in einem vollen U-Bahn-Waggon umschaut.

Wien ist gespalten. Es ist schwer, nach dem ersten Durchgang der Bundespräsidentenwahl nicht diesen Eindruck zu bekommen, die Wiener nicht in zwei Lager einzuteilen. Grüne (unabhängige, aber eigentlich grüne) Innen- gegen blaue Außenbezirke, links gegen rechts. Das ist einfach, stimmt aber längst nicht.

Beispiel Favoriten: Dort hat Norbert Hofer den ersten Durchgang mit 37 Prozent gewonnen, dahinter kommt Alexander Van der Bellen mit 24 Prozent. Erster geworden – hätten sie denn einen Kandidaten für sich aufgestellt – wären aber eigentlich die Nichtwähler mit satten 44 Prozent. Und noch eine zweite Gruppe würde sich vor Hofer und Van der Bellen schieben, gäbe es für sie einen Kandidaten: jene der Nichtösterreicher, die zwar hier wohnen, aber nicht wählen dürfen.

Wer sich daran erinnert und sich dann auf die Suche nach einem passenden inneren Monolog, vielleicht für einen frühlingshaften Spaziergang am Wienerberg oder auf der Favoritenstraße macht, kommt in etwa darauf: "Du wolltest nicht wählen gehen." – "Du darfst nicht." – "Du wolltest nicht." – "Du hast Blau gewählt." – "Du wolltest nicht." – "Du hast Grün gewählt." Das klingt ziemlich holprig und ist auch eine kleine Denkaufgabe, schafft dafür aber eine neue Perspektive und rettet vielleicht sogar vor der Verzweiflung.
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