11.04.2016, 13:29 Uhr

Die jüngsten Opfer des Mostviertels

Leiterin Theresia Ruß und Kinderfreunde-Geschäftsführer Bernhard Wieland im neuen Kidsnest-Kinderschutzzentrum.

Die meisten Opfer von Missbrauch und Gewalt sind zwischen sieben und 14 Jahren. Es gibt aber noch jüngere.

MOSTVIERTEL. "Die alten Räume in der Rathausstraße sind doch etwas in die Jahre gekommen", freut sich Bernhard Wieland, Kinderfreunde-Geschäftsführer, über den Umzug des Kidsnest-Kinderschutzzentrums Mostviertel in die Anzengruberstraße in Amstetten.
Zu Beginn hätte man noch gefragt, ob eine solche Einrichtung überhaupt benötigt wird, erinnert er sich zurück. Nach 15 Jahren gibt allein schon die Dauer des Bestehens ein klares "Ja" als Antwort.

Gewalt passiert im Mostviertel

An der Grundproblematik des sexuellen Missbrauchs und der Gewaltausübung hätte sich die Jahre hinweg nichts verändert, meint Kidsnest-Leiterin Theresia Ruß, die Gesellschaft würde heute allerdings sensibler auf das Thema reagieren. So passiert "es" auch weiterhin.
"Es" geschieht in Einrichtungen, in der Nachbarschaft, im größeren Verwandtenkreis, aber zu "70 bis 80 Prozent" in der engsten familiären Umgebung. "Es" passiert, wenn der Vater allein mit seinem Kind im Zimmer ist, und wenn der Opa "spezielle" Fotos vom Enkelkind macht. Die meisten Täter sind Männer, stellt Ruß klar. In ihren 15 Jahren in Amstetten hätte sie nur einmal eine Frau als Täterin erlebt.

Gewalt: Wo "es" passiert

"Vereinzelt ganz hässliche Fälle" in Inzestfamilien gebe es ebenso wie Situationen, in denen Mädchen beim Fortgehen zu mehr gedrängt werden, als sie möchten. Im Trend liegen auch "Posing", wenn etwa Nacktfotos über Handy und Internet verschickt und die Versender anschließend damit erpresst werden, und Grooming, bei dem sich ältere Männer als Jugendliche ausgeben. In allen Fällen sei das Wichtigste der Schutz, so die Leiterin.

Warteliste für Betroffene

An der Kapazitätsgrenze ist man im Kinderschutzzentrum in Amstetten schon lange angelangt. Es gibt bereits eine lange Warteliste. Man sei nicht "überfinanziert", erklärt Wieland, der an die Politik appelliert, "Kapazität und Kraft" in Präventionsarbeit und die Kinderschutzzentren zu investieren.
Wer hier glaubt, sparen zu können, sei irgendwann mit den Folgeerscheinungen konfrontiert, die nicht nur kostenintensiver sind, sondern vor allem auch das Leben von weiteren Generationen zerstören.


2015 wurden bei Kidsnest 171 Kinder und Jugendliche sowie 282 Erwachsene betreut. Es gab 149 Erstkontakte. Insgesamt wurden 3.615 Beratungs- und Therapiestunden inklusive Besuchs- und psychosoziale Prozessbegleitung geleistet. Sexuelle, physische und psychische Gewalt (45 Prozent) sowie Besuchsbegleitung und die Themen Trennung und Scheidung (39 Prozent) sind die Hauptbereiche der Beratung. Mehr zum Thema auf: www.kidsnest.at
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