„Ich kämpfte immer, soll ich jetzt aufgeben?“

Ida Mesic mit ihren zehn- und fünfjährigen Töchtern ihrer Wohnung in St. Veit.

Ida Mesic ist am Ende ihrer Kräfte. Der Ehemann der zweifachen Mutter ist seit einem Jahr unauffindbar und daher auch nicht für Unterhalt belangbar. Jugendamt und Gericht konnten der St. Veiterin bisher nicht helfen. „Was muss passieren, damit auf meine Situation reagiert wird?“, fragt sich die verzweifelte Mutter.

Wie nah an der eigenen Haustüre das Schicksal erbarmungslos zuschlagen kann, zeigt der Fall der Ida Mesic aus St. Veit. Die österreichische Staatsbürgerin mit bosnischen Wurzeln kämpft seit beinahe einem Jahr, um den Unterhalt für ihre zwei minderjährigen Kinder (10 und 5 Jahre alt) und damit täglich ums Überleben. Als der Vater, mit dem Ida seit zehn Jahre verheiratet ist, am 17. Februar 2010 in einer „Nacht und Nebel“-Aktion verschwindet, beginnen die Probleme für die bestens integrierte und bis dato sozial wie finanziell gut gestellte St. Veiter Familie. „Mein Mann ließ uns vor über einem Jahr mit einem offenen Kredit, einem ungekündigten Job und ohne jegliche Information, wohin er gehen würde, in St. Veit zurück. Seither habe ich nichts mehr von ihm gehört“, berichtet Ida, die dem, sonst liebevollen und guten, Vater, wie sie ihn beschreibt, einen solchen Schritt nie zugetraut hätte, „er äußerte zwar oft den Wunsch, in seine Heimat zurückzukehren und nur in der Wintersaison im Pongau leben zu wollen, doch um den Kindern ein beständiges Zuhause bieten zu können, lehnte ich diese Forderung immer wieder ab.“ Vergangenes Jahr hat sich der Familienvater seinen Wunsch jedoch selbst erfüllt und ist seither unauffindbar. „Dann gingen die Probleme natürlich los. Ich nahm an AMS-Kursen und Weiterbildungen teil und suchte mir einen Job, um uns über Wasser zu halten. Mit den Mädchen, die in den Kindergarten und die Volksschule gehen, ist es mir aber nur möglich, drei Stunden an fünf Tagen in der Woche zu arbeiten“, schildert die St. Veiterin ihre Situation. Das verdiente Geld reicht dabei nicht einmal aus, um die Fixkosten abzudecken. Hinzu kommt erschwerend: „Ich habe noch keinen Cent Unterhalt für meine Kinder erhalten.“

Kein Geld für eine Mutter, deren Mann verschwunden ist
Das Problem: Der Kindervater, der für den Unterhalt aufkommen müsste, ist auch von zuständigen Stellen und Ämtern nicht auffindbar und somit nicht belangbar. „Der Unterhalt bemisst sich nach dem Verdienst des Vaters. Da dieser nicht greifbar ist, kann der Unterhalt nicht bestimmt werden“, erklärt Imre Juhász, Vizepräsident des Landesgerichtes. Und daher sitzt Ida, die sich bereits an diverse Stellen gewendet und um Hilfe angesucht hat, finanziell auf dem Trockenen. An einen Vorschuss auf den, ihr zustehenden, Unterhalt, ist nicht zu denken, denn: „Nur wenn es eine festgesetzte Unterhaltsverpflichtung gäbe, könnte ein Unterhaltsvorschuss geleistet werden. Da diese Festsetzung nie nötig war, es stand ja keine Scheidung ins Haus, gibt es auch keine Vorschussmöglichkeit“, heißt es von Adelheit Pacher, Büro der Volksanwaltschaft, „in diesem atypischen Fall ist es normal, dass sich alles in die Länge zieht. Ähnlich schwierig verhält es sich z.B., wenn der Kindsvater nicht feststeht. Solche Verfahren sind mühsam.“ Das hilft der zweifachen Mutter, die bei unzähligen Behördengängen, stapelweise Papierkram und tausenden Telefonaten am Existenzminimum lebt, wenig. Bei der Volksanwaltschaft bietet man Ida an, sich in einem Beschwerdeblatt zum Vorgehen des Jugendamtes und des Gerichtes zu äußern: „Haben wir den Fall vorliegen, können wir dem Jugendamt vielleicht auf die Sprünge helfen“ – was natürlich wiederum Zeit in Anspruch nehmen wird. Auch die Scheidung von ihrem Noch-Ehemann konnte nicht vollzogen werden. Der Brief, der an die Adresse seiner Eltern in Bosnien geschickt wurde, wurde zugestellt, er vorgeladen, doch dieser ist zu beiden Vorladungen nicht erschienen.

„Was muss passieren, ehe mir geholfen wird?“
„Ich verstehe nicht, dass es in meinem Fall keine Lösung zu geben scheint. Ich werde vom Jugendamt zum Gericht und wieder zurück geschickt aber Resultate gibt es keine.“ Inzwischen hat Ida Mindestsicherung beantragen müssen, um wenigstens einigermaßen über die Runden zu kommen. „Meine größte Angst ist es, nicht mehr genug Geld zum Existieren zu haben. Ich wünsche mir nichts Utopisches, nur normal leben zu können“, so die Mutter, die bemüht ist, ihren Kinder die Armut nicht spüren zu lassen, „eines der Mädchen braucht eine Zahnspange. Diese kostet 4.000 Euro. Wie soll ich das berappen? Ich fahre ein altes Auto und fürchte jeden Tag, dass Reparaturen anfallen. Und was ist, wenn ich krank werde? All die-se Probleme belasten mich rund um die Uhr. Ich frage mich: Was muss passieren, ehe mir geholfen wird?“ Ohne die Unterstützung ihrer Geschwister sowie einiger Nachbarinnen, hätte es Ida nicht einmal bis hierher geschafft, ist sie sich selbst sicher. „Meine Geschwister sprangen bisher bei zu zahlenden Reparaturen oder für mich unerschwinglichen Weihnachtsgeschenken ein. Nachbarinnen nahmen oft in akuten Fällen die Mädchen in Obhut – ohne ihre Unterstützung wäre diese Angelegenheit für mich nicht durchstehbar.“

„Viele alleinerziehende Mütter nagen am Hungertuch“
Mit ähnlichen, wenn auch nicht so schwerwiegenden Fällen wie diesen, wird Karolina Altmann, Beraterin bei „Frauen & Arbeit“, täglich konfrontiert: „Ich wundere mich oft, wie Mütter das schaffen und wie sie mit so wenig Geld zurande kommen“, so die Beraterin im Gespräch, „es ist erstaunlich wie stabil diese mehrfach belasteten Frauen allen Problemen trotzen. Leider dauern die Unterhalts- wie Mindestsicherungsverfahren immer lange und bis das Geld dann da ist, heißt es wiederum warten.“
Ida ist an einem Punkt angelangt, an dem sie nicht mehr weiter weiß: „Ich habe meine Angelegenheiten immer selbst geregelt und war nie auf Unterstützung angewiesen, aber jetzt brauche ich Hilfe!“ Die Frau, die ständig gekämpft hat, stellt sich die Frage: „Soll ich jetzt aufgeben?“ In Österreich mahlen Behördenmühlen manchmal einfach etwas zu langsam.
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