12.09.2016, 09:57 Uhr

Dumpstern: Brigittenauer isst nur aus der Mülltonne

Aus dem Mülleimer, und dennoch einwandfrei: Auch in der Brigittenau ist "dumpstern" sehr beliebt. (Foto: Wu)

Im Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung rettet Bert Weidemann jährlich bis zu zwei Tonnen genießbares Essen aus Mülleimern.

BRIGITTENAU/LEOPOLDSTADT. Samstagabend in der Brigittenau. Während die Bezirksbewohner das wohlverdiente Wochenende genießen, packt Bert Weidemann seine Taschen und geht auf die Jagd nach Lebensmittel. Bewaffnet mit dem Müllraumschlüssel zieht der Brigittenauer durch den 20. und den 2. Bezirk und klappert ihm bekannte Supermärkte ab. Genauer gesagt deren Müllräume. "Dumpstern" hat sich als Begriff für die Suche nach noch genießbaren Lebensmitteln eingebürgert.

Dort ist nämlich keineswegs nur Müll zu finden, sondern auch einwandfrei genießbare Lebensmittel aller Art. In der Stadt Wien werde immerhin täglich allein so viel Brot weggeworfen, wie die Stadt Graz an einem Tag verbraucht, wie Erwin Wagenröder in seiner Doku "We feed the World" aufzeigte. Doch das betrifft keineswegs nur die Lebensmittelindustrie. "In einem durchschnittlichen Wiener Haushalt wird ein Viertel aller Nahrungsmittel weggeworfen", sagt Greenpeace-Pressesprecherin Reka Tercza.

1,4 Tonnen Lebensmittel

Weidemann kann davon ein Lied singen. Der 56-Jährige führt über seine Streifzüge Buch. "Seit 2013 habe ich 1,4 bis 2 Tonnen Lebensmittel pro Jahr gerettet", sagt er. Das entspreche Essen im Wert von mehreren tausend Euro. Weidemann deckt damit fast vollständig seinen eigenen Bedarf ab und verschenkt den Rest über einschlägige Gruppen auf Facebook. "In den Müllräumen der Supermärkte findet man einfach alles. Yoghurt, Obst und Gemüse zum Beispiel", so der Angestellte. Dabei gehe es in Szene weniger um akute Armut, sondern um Idealismus. Es gilt zu retten, was noch zu retten ist.

Dennoch ausgewogene Ernährung

Bert Weidemann sagt, er ernähre sich heute ausgewogener als zuvor. "Ich nehme automatisch viel Obst und Gemüse mit. Vieles, was ich vorher nicht gekauft hätte." Durch das Angebot ergeben sich neue Rezepte und man probiert Neues aus.
Aber natürlich sei das Abtauchen in den Müllcontainer nicht immer nur schön. Obwohl vieles noch sehr ordentlich verpackt ist, bleibt es dennoch eine Mülltonne. "Eine gewisse Resistenz gegen unangenehme Gerüche sollte man schon haben", so Weidemann.

In der Brigittenau hat der Kampf gegen Lebensmittelverschwendung zumindest am Hannovermarkt Tradition. "Jeden Samstag ist da die Hölle los, weil die Händler jene Ware, die das Wochenende nicht überleben würde, zu billigeren Preisen verkaufen. Da gehen dann 10 Kilo Paradeiser um einen Euro zum Einkochen weg", heißt es seitens der Bezirksvorstehung. Auch das sei ein Vorzeigemodell. In Floridsdorf begann ein Restaurant unlängst, übrig gebliebenes Essen zu verrechnen.
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