23.03.2016, 00:00 Uhr

Ein "Jackpot" für Mariazell

Familienbetrieb mit langer Tradition: Gerbermeister Martin, Säckelmeisterin Heidi und Waltraud Wimmer.

Ein Gerbermeister und eine Säcklermeisterin in einer Familie – die Familie Wimmer hat Seltenheitswert.

Jetzt ist in der heutigen Zeit weder der Beruf des Gerbers noch der des Säcklers ein sehr häufiger – dass es dann gleich beide in nur einer Familie gibt, noch dazu mit abgelegter Meisterprüfung, gleicht einem Jackpot. Die Familie Wimmer, seit fast 120 Jahren untrennbar mit Leder und seiner Erzeugung verbunden, verfügt mit Hausherrn Martin Wimmer über einen Gerbermeister und mit Tochter Heidi über eine Säcklermeisterin. Wie kommt das? "Ich wollte schon als kleines Kind immer das machen, was die Mama macht: also Lederbekleidung herstellen", erklärt Heidi Wimmer. Weil es aber praktisch keinen Lehrplatz dafür gab, besuchte Heidi die fünfjährige Modeschule in Graz und schloss diese mit Matura ab. Im Jahr 2010 legte sie bei der Wirtschaftskammer die Säckler-Meisterprüfung ab. "Das war schon witzig, weil sie extra für mich eine Prüfungskommission zusammenstellen mussten. Die waren dann aber gleich recht begeistert und meinten bei der Prüfung, dass sie schon lange keine so schöne Arbeit mehr gesehen hätten", erzählt Heidi mit Stolz. Seit 2005 arbeitet sie nun, als eine von nur fünf steirischen Säcklern mit Meisterprüfung, fix im elterlichen Betrieb als Säcklermeisterin mit.

Breite Produktpalette

Hergestellt wird dabei fast alles, was das Kundenherz begehrt. "Man kann sich bei uns praktisch von Kopf bis Fuß in Leder einkleiden lassen: Wir stellen Lederhosen, Sakkos, Gilets, Jacken und Röcke her – also eigentlich alles von trachtig bestickt bis hin zur langen Hirschleder-Jeans", erklärt Hausherr Martin Wimmer.
Das zu verarbeitende Hirschleder wird zuvor von Hausherrn Martin Wimmer in Handarbeit sämisch-gegerbt, auch das ist eine selten gewordene Behandlungsmethode: "Das heißt, das Rohleder wird mit großem Aufwand mit Fischtran behandelt und getrocknet. Der Vorteil: Das Leder ist dadurch geschmeidig und hautfreundlich", so Heidi Wimmer.

Zwei Hirsche für eine Hose

Verarbeitet wird zu 95 Prozent Hirschleder vom steirischen Gebirgshirsch. "Wir haben auch Gams- oder Rehdecken, aber der Hirsch bietet den Vorteil, dass die Flächen wesentlich größer sind. Man kann ungefähr sagen, dass pro Lederhose zwei Hirsche oder vier Gams benötigt werden", so die Säckelmeisterin.
Bis aber das Leder tatsächlich verarbeitet werden kann, was nach rund einem halben Jahr soweit ist, hat Vater Martin Wimmer die Haut rund 70 mal in der Hand gehabt – daraus erklärt sich dann auch der doch klare Preisunterschied zu billig produzierter Lederware. Aber wie erkennt man als Laie eigentlich den Unterschied? "Wir färben das Leder händisch mit Bürste auf einer Seite, dadurch ist das Leder auf der Innenseite gelb und hat den Vorteil, dass es auch nicht abfärbt. Aber das allein gibt auch keine Sicherheit, denn die Firmen haben dann begonnen, das Leder innen gelb zu färben, damit man den Unterschied nicht so leicht erkennt. Aber wir kennen den Unterschied natürlich sofort, sogar auf einem Foto", versichert Martin Wimmer.

Prominente Kunden

Die Kunden wissen die Besonderheit der maßgeschneiderten Lederbekleidung zu schätzen. "Man kann sagen, wer einmal da war, kommt immer wieder. Der einheimische Jäger, Bauer oder diverse Vereine genauso wie der Prominente, wie etwa die Familie Habsburg", so der Hausherr.
Wie schaut die Zukunft aus, gibt's irgendwelche Expansionspläne? "Nein. Unsere Firma ist ein Familienbetrieb mit langer Tradition, und das wollen wir auch bleiben. Wir sind lieber klein und gesund als groß und krank", bringt es Heidi Wimmer sofort auf den Punkt.

Alle Fotos: Katarina Pashkovskaya
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