22.03.2016, 20:07 Uhr

Nirgendwo gibt es mehr metallurgisches Wissen

WOCHE Tischgespräch mit Stefan Pierer; er zählt zu den einflussreichsten Wirtschaftsbossen Österreichs.

Er ist aus Etmißl. In seinen Betrieben sind 4.400 Mitarbeiter beschäftigt. Er ist Chef von KTM, Pierer Industrie, Cross Industries sowie Mehrheitseigentümer von Pankl Racing Systems. Und er glaubt an seine Heimat und die Hochsteiermark-Region: Stefan Pierer in einem seiner raren Interviews.

Sie sind wieder auf Heimatbesuch in Aflenz. Wie würden Sie Heimat für sich definieren?
STEFAN PIERER: Diesmal ist es kein Heimatbesuch, sondern ich bin nur auf der Durchreise. Aflenz bzw. Etmißl werden für mich immer Heimat sein.

Sie investieren Geld in Aflenz. 24 Wohnungen, Revitalisierung Aflenzer Hof, Bürgeralm. Hat das sentimentale Gründe oder steckt echtes wirtschaftliches Kalkül dahinter?
In strukturschwächeren Regionen fehlt es vielfach an attraktiven Wohnmöglichkeiten. Außerdem würde es nichts bringen, hier in ein touristisches Großprojekt zu investieren, das passt nicht. Somit haben wir uns für Infrastruktur entscheiden – für hochqualitativen Wohnbau. Das Kalkül ist aufgegangen. Es entsteht echter Zuzug. Ein Drittel der Wohnungseigentümer kommt aus dem Raum Bruck, Kapfenberg, Leoben. Für diesen Ansatz braucht man einen langen Atem, somit mag es in gewisser Hinsicht schon Sentimentalität sein, hier zu investieren. Es gibt in Österreich sicherlich profitablere Ecken. Es ist ein guter Ansatz und diesen Weg gehen wir weiter.

Wenn man die Kreise weiter zieht: Sie sind auch bei namhaften Unternehmen in der Region beteiligt. Mehrheitseigentümer bei Pankl Racing Systems, mit 24,9 Prozent bei Mettop Leoben eingestiegen. Sie glauben an die Wirtschaftskraft der Hochsteiermark?
Die Mur-Mürz-Furche, so wie wir früher gesagt haben, ist ein ganz außergewöhnlicher Metallurgie-Cluster, getragen durch die hochwertigen Ausbildungsstätten. Aus den Ruinen der verstaatlichten Industrie sind hervorragende Firmen entstanden, ob Voestalpine Donawitz, Voestalpine Kindberg, Böhler Kapfenberg, Pankl: alles hochspezialisierte Firmen die mit dem Thema Werkstoff innovativ umgehen. Man findet hier auch noch genügend Leute, die das gelernt haben und die Materie beherrschen. Und darum bin ich überzeugt von dieser Region.

Bei der Auftaktveranstaltung „Regionalentwicklung“ im Dezember im Böhlerstern haben Sie gemeint, die Region habe sich in den vergangenen Jahren völlig neu erfunden. Nur anscheinend glauben nicht alle daran, und nur wenige wissen davon. Tut man genug zur Imagepolitur?
So eine wirtschaftliche Stärke wie hier in der Obersteiermark, die gibt es nicht auf der Welt. Es stimmt schon, nicht alle wissen davon. Wir investieren heuer in Kapfenberg bei Pankl 25 Millionen Euro mit 70 neuen Mitarbeitern in ein neues Getriebewerk. Das ist hochspezialisierte Werkstofftechnik und da gehe ich dorthin, wo ich die Leute und die Ausbildungsstätten habe. Ich jedenfalls bin felsenfest von dieser Region überzeugt.

Sie haben damals auch kritisiert, dass die duale Ausbildung auf der Strecke bleibt. Ist hier unser Bildungssystem zu starr und orientiert sich zu wenig an den wirtschaftlichen Erfordernissen?
Alles drängt in die höheren Schulen und Universitäten, der duale Ausbildungsweg bleibt hinten. Mittlerweile haben wir in Österreich eine ausgewachsene Akademikerarbeitslosigkeit. Bei Pankl, bei Böhler oder bei KTM haben die Hälfte der Mitarbeiter eine duale Ausbildung, also eine parallele Ausbildung im Betrieb und in der Schule. Diese bestausgebildetsten Mitarbeiter sind das Rückgrat der Industrie. Darum bin ich so ein Verfechter dieser dualen Ausbildung.

Sie gelten als steter Kritiker der politischen Riege von EU, Bundesregierung; die Sozialpartner haben sie beispielsweise als Totengräber der österreichischen Wirtschaft bezeichnet. Wie beurteilen Sie eigentlich die Entwicklung auf kommunalpolitischer Ebene. Braucht es Bruck-Kapfenberg oder braucht es sogar Bruck-Kapfenberg-Leoben?
Die Bezirks- und Gemeindezusammenlegungen in der Steiermark waren ein guter Ansatz, man hat sie nur schlecht verkauft. Größere Organisationseinheiten haben immer einen Sinn. Deswegen kann ja immer noch das Ortschild am Dorfeingang stehen bleiben. Bruck-Kapfenberg ist eh schon zusammengewachsen, da könnte man durchaus auch zusammenlegen. Aber es scheitert halt an Ressortiments der handelnden Personen. Was ich jedoch an Kapfenberg schätze, das ist das klare Bekenntnis zum Industriestandort. Die Genehmigungsverfahren, die wir bei Pankl durchlaufen haben, die wurden in Kapfenberg höchst professionell und in Mindestzeit abgewickelt – das sind echte Benchmarks. Ich weiß nicht, ob umliegende Städte mit diesem Tempo mithalten können.

Sie werden heuer 60. Existiert irgendwo in ihrem Hinterkopf das Wort „Ruhestand“?
Naja, wir haben eben den Pensionshügel überschritten, der dazu geführt hat, dass wir langsam das Pensionsantrittsalter anheben. Schauen wir nach Deutschland: Dort ist es gang und gäbe, dass bis 65 gearbeitet wird. Da bin ich mit meinen 60 Jahren schon noch meilenweit entfernt. Natürlich macht man sich Gedanken, was in fünf oder zehn Jahren sein wird. Das ist völlig klar. Wobei ich in Österreich schon zu einer elitären Klasse gehöre. Zwischen 60 und 65 Jahren sind nur mehr 28 Prozent berufstätig.

Stefan Pierer wurde fotografiert von Katarina Pashkovskaya
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.