20.09.2016, 15:43 Uhr

"Ich freue mich schon wieder auf Burkina Faso" - Herbert Gigerl im Interview

Herbert Gigerl kennt mittlerweile viele Menschen in Burkina Faso, wie seinen guten Freund Zeze (r.) und dessen Sohn Donald (l.). (Foto: KK)

Im Jänner wird Herbert Gigerl bereits zum vierten Mal nach Burkina Faso reisen, um für Behinderte spezielle Webstühle zu organisieren. Im Gespräch mit der WOCHE spricht der Lannacher über seine Herausforderungen, aber auch schönsten Erlebnisse und seinem Traum vom Nachwuchs.

Wie bist du eigentlich nach Burkina Faso, zu dieser Idee gekommen?
Schon als junger Mensch wollte ich mal Entwicklungshelfer werden. Dann ist halt meine Frau dazwischengekommen, obwohl ich schon die Papiere gehabt hab, dann war das kein Thema mehr. Das Helfen ist einfach immer irgendwie in mir gesteckt, es macht mich heute noch glücklich, wenn ich jemandem helfen kann. Als ich 2007 auf Kur war hab ich eine Frau kennengelernt und ihr Mann ist der Kassier der EWA (Entwicklungswerkstatt Austria, Anm.). Er hat mir erzählt, sie haben in Burkina Faso ein Projekt mit Webstühlen. Ich hab ja gar nicht gewusst, was Burkina Faso ist und wo das liegt, früher hieß es ja Obervolta. Burkina Faso hat viel Baumwolle, im Land bleibt aber nicht einmal ein Prozent. Wenn diese Leute dort ein Gewand wollen, müssen sie sich das wieder teuer zurückkaufen. Und die EWA hat dieses Projekt gehabt, einen Techniker in Oberösterreich, der ein System entwickelt hat, das Webstühle mit Pneumatik automatisiert. Vom Weben hab ich ja null Ahnung, aber der Mann von der EWA hat mir erzählt, dass sie bald zu zweit runterfliegen und ich könnte mich anhängen, die Kosten würden halt auf meine Rechnung gehen. Ein paar Wochen später hat er mich angerufen, er hat mit Rudi Graf, dem Geschäftsführer der EWA gesprochen und sie würden mich mitnehmen. Zuerst hab ich das gar nicht so ernst genommen.

Aber dir war klar, dass du das machen willst?
Vor dem ersten Mal war das für mich so ein Fragezeichen. Die letzten Wochen, je näher der Tag des Abflugs gekommen ist, hab ich immer mehr Magenkribbeln bekommen. Ich hab keine Ahnung von diesem Land gehabt, nach Amerika zu fliegen ist ja relativ einfach. Die letzten 14 Tage hab ich kaum noch geschlafen, so aufgeregt war ich. Jetzt freue ich mich schon wenn wir wieder runterfliegen, jetzt kenne ich Leute dort.


Wie war das bei deinem ersten Besuch?
Wir waren im August 2008 vier Wochen dort. Zwei Wochen lang hatte es 55 Grad, da sind die Impfungen, die Hygiene ist eine ganz andere. Dass du in diesem Land Bakterien erwischt und länger außer Gefecht bist, wo du vom Klo nicht weg kommst, ist normal. Damals haben wir zwei Webstühle aufgestellt, einen Plan ausgedruckt, was die Weber alles machen müssen, damit diese Geräte laufen. Ein Jahr später bin ich mit unserem Techniker, Markus Katzlinger, wieder runter gefahren, weil das nicht mehr funktioniert hat. Wir haben den Plan damals in einen Schrank reingelegt, als wir das zweite Mal unten waren, ist dieser noch dort drinnen gelegen, den hat keiner angegriffen. Es ist halt eine andere Mentalität. Die Ventile waren einfach hin, das hat dann Markus repariert. Die Länder misten alle ihre alten Geräte aus, bevor sie die entsorgen. Die Franzosen haben nach Afrika fünf, sechs Spulmaschinen mitgegeben. Alle kaputt, aber sie hätten die teuer entsorgen müssen, in den Flieger mit rein ist ihnen billiger gekommen. Die sind schon jahrelang verstaubt dort gelegen, Markus haben sie gefragt, ob er daraus nicht eine machen könnte.


Was hat dich bewogen gerade den Menschen dort zu helfen?
Während er das probiert hat, hab ich Zeit gehabt nachzudenken. Wir haben so viele Behinderte dort gesehen, die uns regelrecht mit den Rollstühlen verfolgt haben, die wollten natürlich was haben. Wenn du am Abend auf der Straße fährst, da ist im Mittelstreifen Gestrüpp und da siehst du die Füße rausstehen, weil die Leute auf der Straße liegen. Da hab ich mir gedacht, es muss irgendwas geben, womit man diesen Behinderten helfen kann. Ich hab dann zum Markus gesagt, er muss doch eine Technik entwickeln können, damit behinderte Menschen am Webstuhl arbeiten können. Am nächsten Tag ist er zu mir gekommen und hat mir schon eine Skizze gezeigt. Das war der Beginn. Rudi Graf hat mir dann vollste Unterstützung zugesagt und so ist das Ganze ins Laufen gekommen. Pierre Guissou, der in Burkina Faso diese Webstühle baut, haben wir gefragt, was einer kosten würde - circa 2.000 Euro.


Wie konntet ihr das Geld zusammenbringen?
Zwei Webstühle wollte ich als Grundkapital schaffen, zur Not hätte ich eine meiner zwei Harmonikas verkauft. Dann hab ich Prospekte machen lassen, eine Benefizveranstaltung in der Lannacher Steinhalle gemacht, das hat fast 20.000 Euro gebracht, die Kontonummer hab ich verbreitet. Das waren oft so nette Begegnungen. Einmal hat mich eine Frau angerufen, auch aus Lannach. Sie hat was in der Zeitung gelesen, aber mich nicht gekannt. Sie hat ein Kochbuch veröffentlicht, das Geld davon war vorgesehen für einen karitativen Zweck und sie wollte mir davon 1.000 Euro geben. Das war der erste tolle Betrag, da war ich schon mal überwältigt, dass das so gut geht.


Wie viel konntest du seitdem sammeln?
Insgesamt sind es mittlerweile 46.000 Euro an Spenden. Momentan ist es ein bisserl schwieriger, durch die Flüchtlingsproblematik, und die EWA hat auch ein Auslaufdatum, weil die Spenden von der EU gekürzt wurden. Von dem ganzen Geld, das ich sammle, nehm ich für mich gar nix her. Ich zahle Flug, Aufenthalt alles selber. Was gespendet wird, kommt zu 100 Prozent nach Burkina Faso. Mittlerweile stehen wir bei 23 Webstühlen. Ende Jänner fliege ich wieder runter, jetzt ist ja noch Regenzeit.


Was sind die häufigsten Probleme, auf die ihr bei eurer Tätigkeit stößt?
Als ich 2013 in Burkina war, waren acht Webstühle fertig, drei konnten aber nicht übergeben werden, weil die kann man nicht irgendwo hinstellen. Man braucht einmal Strom, das haben wir dann mit Autobatterien gelöst, und ein Dach, weil in der Regenzeit kannst du nicht draußen stehen. Manche haben geglaubt, wir bauen ihnen ein Haus auch gleich hin, das geht natürlich nicht. Einer hat uns einen Raum gezeigt, der war ein bisserl größer als ein Klo, viel zu klein für unsere Webstühle. Was kaum verständlich ist bei einem Land mit so viel Baumwolle, dass du keinen Garn kriegst. Die geben alles ins Ausland. Die EWA hat jetzt Garn für die 23 Stühle gekauft, damit man auf jedem mal fünf Meter weben kann. Wir haben auch einen Lehrer gebraucht - manche haben das Weben nur mit der Hand gelernt -, den mussten wir auch zahlen. Unterkünfte mussten wir finden. Also die letzte Fahrt war eine Herausforderung, weil wir auf so viele Probleme gestoßen sind, die wir lösen mussten. Da sind ja viele dabei, die nicht lesen oder schreiben können, nicht Französisch sprechen, nur die Sprache der einheimischen Stämme. Jetzt brauchen sie wen für den Verkauf. Sie helfen sich schon gegenseitig, aber es will jeder dabei mitverdienen. Das Land ist so arm, das ist für uns unvorstellbar. Der Diesel kostet aber gleich viel wie bei uns, was das in diesem Land bedeutet.


Welche Helfer hast du vor Ort?
Pierre produziert die Webstühle und ist unten unterwegs, um Behinderte im ganzen Land zu suchen, die wir betreuen können. Ein Freund von ihm, Désiré Ouedraogo, berät vor Ort, hat auch Behinderte, die für ihn arbeiten, aber die haben auch was davon. Franz Griesser, der mit mir mitfährt, war früher Entwicklungshelfer in Burkina und kann Französisch. Mit Micha, die in Burkina Faso lebt und für die EWA arbeitet, fahr ich im Jänner durchs Land. Selber fahr ich dort keinen Meter, wenn du einen Unfall hast, ist einmal der Weiße schuld, ob er wirklich schuld ist oder nicht, weil der hat Geld. Eine Angestellte von Micha wird auch mitfahren, diese kann die Stammessprachen, sonst bist du ja auch aufgeschmissen. Ich hab in Burkina Faso einen Freund, Zeze, der hat Englisch gelernt, weil der weiß genau, eine Fremdsprache ist für ihn überlebenswichtig. Mit mir hätte er sonst nie kommunizieren können. Ich hab ihm beim Hausbau geholfen, hab ihm Geld geschickt zum Zement kaufen, weil 2009 bei ihm alles weggeschwemmt wurde. Das waren 200 Euro, mit dem konnte er sich den ganzen Zement kaufen.


Wie sieht der Stoff aus, den die Behinderten in Burkina Faso weben?
Was dort gewebt wird, ist ein bisserl rustikaler. Es ist gedacht für Vorhänge oder das Gewand der Einheimischen, das ein bisschen dicker ist. Oder für ihre Tracht, das ist sehr gefragt. In einem Behindertenzentrum in Ouagadougou machen sie damit auch andere Sachen wie Fächer, die Behinderten sind sehr kreativ. Da wird nicht nur der nackte Stoff verkauft, sie verarbeiten ihn auch.


Wenn du im Jänner wieder runterfliegst, was wartet da auf dich?
Ich hab schon einen Fragenkatalog zusammengestellt, ich will gewisse Sachen ja wissen, kann die Behinderten aber nicht einfach fragen. Sie können nur die Stammessprache, meist gar nicht Französisch. Und ich will, dass der Verkauf funktioniert. Désiré hat einen Kontakt in Amerika, wo er die Produkte auch hin verkauft. Du brauchst jemanden, einmischen kann ich mich von hier eh nicht. Ich kann auch nicht zweimal im Jahr runterfliegen, so jung bin auch nicht mehr. Wenn ich im Jänner runter fahr bin ich 70, meinen 70er werde ich möglicherweise dort feiern.



Was war dein schönstes Erlebnis in Burkina Faso?
Beim ersten Mal haben Franz und ich Leiberl und Fußballdressen mitgehabt. Du kannst damit nicht rausgehen auf die Straße und verteilen. Da gäbe es genug, die nichts anhaben und wenn du da einfach rausgehst, kommen immer mehr. Du musst das organisieren, über den Bürgermeister oder eine Kirche. Damals fuhren wir zu einer Schule, ich hab schon von weitem viele Kinder gesehen. Als sie unser Auto gesehen haben, haben sie sich auf dem Weg zur Schule in zwei Reihen aufgestellt und als wir den Anfang erreicht haben, haben sie angefangen zu singen. Wir Weißen haben uns angeschaut – und geweint, das war so rührend. Wir beide haben ungefähr je 40 Leiberl mitgehabt und da waren 200 Kinder, da bin ich mir fast noch schäbig vorgekommen. Aber allen geben geht halt nie, ich kann nicht Burkina Faso retten.


Aber es ist eine lobenswerte Arbeit, die nur sehr wenige Menschen auf sich nehmen.
Ich hab damit angefangen, weil ich dort dieses Elend gesehen hab. Wenn ich daheim morgens aufwache und raus schau, ich habe alles. Da merkt man, wie gut es uns eigentlich geht. Das letzte Mal sind wir kurz vor Weihnachten nach Hause gekommen und ich hab zu meiner Frau gesagt, Geschenke brauchen wir keine, weil wir haben so viel. Wie gut es uns geht, was wir alles haben - so schöne Weihnachten hab ich noch nie gehabt. Zeze und seiner Familie schick ich auch immer ein Packerl zu Weihnachten, wie der immer glücklich ist. Ich war bei ihm in seinem neuen Haus, er hat von uns vier, fünf Bilder an der Wand hängen.


Was würdest du dir noch wünschen?
Nachwuchs - dass irgendwer sagt, das taugt mir, ich mach da mit. Ich rede ja jeden an, ich kenne so viel Leute, die sagen, das ist super, aber ich verstehe jeden Berufstätigen, wenn er das sagt und sowas nicht angehen kann. Der kann nicht für einen Monat weg. Wir Pensionisten tun uns leichter. Ich flieg vielleicht noch zwei, drei Mal runter, mal schauen. Gott möge mir die Gesundheit erhalten, aber du weißt ja nie. Einen Interessenten zu finden, das wäre mein Traum.

Spendeninformation

Spenden für das Projekt "Hilf mir helfen" können Sie auf folgendem Spendenkonto der Raiffeisenbank Lannach einbringen:
IBAN: AT543821000031138720
BIC: RZSTAT2G210
Kennwort: Hilf mir helfen
Herbert Gigerl ist es wichtig, den Namen jedes Spenders zu wissen, um sich persönlich bedanken zu können, denn er betont, dass sein Projekt von solchen Beiträgen lebt.
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