09.07.2016, 16:01 Uhr

Multiversagen - Bunkeroptik

Das ist das LayOut einer "Grinzinger Schutzzone". Ein Wohnbau 70 cm von der Fahrbahn einer der meistbefahrenen Straßen Döblings.

Wie das geht: In einer Schutzzone (Grinzingerstraße 72) einen Betonklotz à la Nordatlantikwall zu errichten. Eine Wiener Sittengeschichte.

Zuerst war da ein kleines ebenerdiges Häuschen. Ursprünglich das Personalwohnhaus der leitenden Angestellten der Ziegelfabrik in Unterheiligenstadt, dort wo sich jetzt die Kleingartenanlage befindet. Natürlich ein Ziegelbau. Innen allerdings mit Stuck sehr hübsch gestaltet.

Das verfiel langsam. Der Eigentümer - ein Heurigenbetrieb - hatte keinen Gebrauch mehr dafür. Es war auch schon zu aufwendig, es zu restaurieren und wofür auch?

Die Flächenwidmung war wie bei den umgebenden Grundstücken "W2", also man konnte bis 10,5 Meter Traufenhöhe - das ist dort, wo das Dach beginnt - bauen. Grundsätzlich fein, wäre da nicht auch die "Schutzzone".

Was ist das eine "Schutzzone"?

Laut Bauordnung §7 sind das "erhaltungswürdige Gebiete als in sich geschlossenes Ganzes (Schutzzonen)" . Und da darf man sinnloser Weise nach Meinung der MA19 (Stadtbild) alles tun wie sonst auch. Wozu es dann so etwas gibt, kann keiner erklären. Ist offensichtlich auch allen wurscht.

Kasematten

Das sind Betonbunker. Sehen auch wie diese aus und dienen dem Schutz der Bewohner bei kriegerischen Auseinandersetzungen. Solch liebliches LayOut befindet sich nun anstelle des Belegschaftshäuschens in der Grinzingerstraße. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Wer dort wohnen will muss große Angst haben oder als Bewohner einer der vielbefahrendsten Straßen Döblings große Immunität gegen Lärmimmissionen haben.

Wie kam's dazu?

Zuerst war der Plan. Dann die Bauverhandlung. Einwendung der Nachbarn gegen das, die Mauern aufsteigende Lärmecho und die gerade mal 70 cm breiten Gehsteige, die im Winter eine ungeheure Gefährdung der Fußgänger darstellen - haben keinen Eindruck bei der Behörde hinterlassen. Auch das Angebot durch den Bauwerber für Arkaden hätte ihm durch den Magistrat teure Auflagen gebracht, sodass er noch in der Bauverhandlung davon Abstand nahm.

Die Anrainer von vis a vis glaubten mit einer Klage gegen das Bauvorhaben zum Erfolg zu kommen. Daraus wurde aber aus durchaus einsichtigen Gründen nichts, da alles der Bauordnung entsprach.

Vermittlungsversuch

Die ÖVP Sektion Oberheiligenstadt gemeinsam mit dem Bezirksvorsteher versuchte in einer Anrainerversammlung einen Kompromiss herbeizuführen. Der Bauwerber war schließlich damit einverstanden, rund 1,5 Meter zurückzurücken. Allerdings nur, wenn die Anrainer unterschrieben, keine weiteren Einsprüche zu unternehmen. Das blieb von mehr als der Hälfte unbeantwortet. Das zur Bürgerbeteiligung!

Also wurde gebaut. Mit dem Ergebnis, dass nunmehr an der engsten Stelle der Grinzingerstraße, im größten Lärmbereich ein Wohnhaus steht, kein ausreichender Gehsteigt vorhanden ist und wieder ein Teil einer Schutzzone mit einem überdimensioniertem, unproportionalem, unangepasstem und die Gegend verfremdenden Gebäude verbaut wurde.

Wahrlich eine Wiener Sittengeschichte.
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