03.10.2016, 20:06 Uhr

Ciao Assisi

Assisi

Foligno. Habe heute in der Früh Assisi verlassen. Die letzten vier Tage am Weg nach Assisi hat mich ein alter Jugendfreund begleitet. Es waren Etappen extremer Höhenmeter, und in Gesprächen waren wir viel in unserer unbekümmerten, intensiven Jugendzeit voller Zukunft. Ein schönes Eintauchen, verbunden mit großer Dankbarkeit an eine unbeschwerte Zeit.
Die heutige Etappe beginnt wieder im Alleingang gleich mit einem kräftigen Anstieg, unerhofft komme ich in der "Eremo della Carceri" an einen Ort, den ich vor vielen Jahren zusammen mit Schülern schon gesehen und damals für mich als den schönsten Ort der Welt erklärt habe. Offensichtlich ziehen mich Eremitagen an. Am Morgen fiel es mir nicht sonderlich schwer, "Ciao Assisi" zu sagen, da sich die Stadt im großen Stil auf das bevorstehende Fest des Patrons sehr geschäftig vorbereitet. Ich bleibe ein wenig in der Eremitage und erinnere mich an ein Erlebnis, das schon knapp eine Woche zurückliegt.
Monte Casale, ein wirklich anspruchsvoller und langer Anstieg: "Swer hieher welle gan, muas lange schenkel han", sagt ein mittelhochdeutsches Sprichwort, zu dem uns mein Deutschlehrer einen Aufsatz hat schreiben lassen. Beim Aufstieg zum Monte Casale wurde dieses von mir damals nicht besonders geliebte Aufsatzthema Wirklichkeit. Es galt, am Weg einige Hindernisse zu überwinden, die wirklich lange Schenkel brauchten. Aber wie sooft folgte die Belohnung auf der Stelle. Wieder komme ich zu einer Eremitage in den Bergen, die mich anzieht. Aus dieser Einsiedelei ist ein Kloster geworden. Fünf Kapuziner leben hier und atmen den franziskanischen Geist. Alle Türen stehen offen. Ein Bruder ist beschäftigt, Unkraut am gepflasterten Weg zu beseitigen. Er sieht mich und kommt mit großer Freundlichkeit auf mich zu. "Welcome! Willkommen!" Eine große Herzlichkeit begegnet mir. Bruder Erec zeigte mir in allen Ausführlichkeiten den besonderen Ort franziskanischer Geschichte und Spiritualität. Franziskus war immer wieder hier, um zu beten. Auch der hl. Antonius und Bonaventura waren da. Es gibt schon besondere Orte, und was sie gemeinsam haben, ist, dass sie meist nicht so einfach zu erreichen sind und dass an diesen Plätzen viele Menschen viel gebetet und meditiert haben. Mit Beten meine ich keine Frömmelei, kein Hokuspokus, sondern eine ehrliche Auseinandersetzung mit der eigenen Biographie. Beten heißt, sich vor Gott stellen, sich dem größeren Du zeigen, sich nichts mehr vormachen, ganz sein. Ein wirklich betender Mensch ist ein ganz offener, einer, der um seine Grenzen weiß, dass nicht alles machbar ist und funktioniert, wie man sich es vorstellt. Ein betender Mensch nimmt berechnende Forderungen an das Leben zurück. Er versucht, dem Leben sein Leben zu geben. An diesen Orten ensteht große Ehrfurcht. Jede Arroganz vergisst sich. Da bist du plötzlich nicht mehr der Mittelpunkt. Da relativiert sich so vieles, es reduziert sich auf das Wesentliche. Was dann übrigbleibt, heißt für mich oft Dankbarkeit, Dankbarkeit, dass mir so viel Leben geschenkt wird. Ich weiß schon, in dieser Zeit gibt es zu viele, die an eine Dankbarkeit nicht denken können, weil das Leben so gar nicht mitspielt.
Br. Erec zeigt mir die Steinnische, wo Franziskus geschlafen hat, ein beinahe unvorstellbarer Ort für einen guten Schlaf. Er sagt mir, dass er bis Mittag das Unkraut beseitigt haben möchte und lädt mich ein: "Bleib noch! Du bist auch willkommen, länger hier zu bleiben. Vielleicht kommst du wieder einmal." Ich sage ihm, dass ich noch in die Kapelle gehen werde. Wir verabschieden uns, und er sagt mir: "Wenn du in die Kapelle gehst, hör auf die Ruhe!"
"Hör auf die Stille!" Ein Satz, den ich mir aus der Einsiedelei mitnehme.
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