17.09.2016, 13:19 Uhr

Mein Pilgerweg nach Rom - Bologna

Ferrara

Bologna. Der heutige Tag bringt mich nach Bologna, eine äußerst imposante Stadt, und über die 800 Kilometermarke hinaus. Gut die Hälfte des Weges ist geschafft. Ich freue mich heute morgen zunächst über den bewölkten Himmel. Schön langsam geht die Po-Ebene dem Ende zu, bis sie mich ab Mittag mit ordentlichem Regen waschelnass endgültig ziehen lässt. Im heutigen Gehen, das mich wieder lange Kilometer vollkommen flach und schnurgerade im ewigen Trott des gleichen Schrittes ans Ziel führte, war ich mit den letzten Tagen beschäftigt. Die Po-Ebene hat mir so manche Gelassenheit gelehrt oder eben gezeigt, dass ich an meiner Ausgeglichenheit noch ein klein wenig zu arbeiten habe. Große Hitze, absolut null Schatten und abends, wenn du einfach ein Quartier willst, stehst du vor verschlossenen Türen. Gut, und heute am Ende des Tages durch und durch nass. Quartiere, soviele gibt es auf diesem Abschnitt nicht, haben offensichtlich nach der Urlaubszeit zu. Ich könnte natürlich im Vorfeld auch anrufen, aber dieses Ungewisse hat doch seinen Reiz, und ich weiß oft auch nicht, wie weit ich gehen möchte oder kann. Vorgestern dachte ich, jetzt muss ich mir einen Stadl suchen. Ein Verkäufer im Zeitungskiosk aber gab mir einen Tipp, und ich ging etwas brummend noch zusätzliche vier Kilometer in eine Richtung, die so überhaupt nicht zu meiner Strecke passt, aber mit der Hoffnung, Platz zu finden. Und ich bekam Quartier, daneben eine kleine Pizzeria, nur ein bisschen laut, weil der gesamte Fernverkehr sich durchwälzte. In der Pizzeria fragte ich auf Englisch, ob sie einen Tisch für mich hätten. Die Kellnerin schaut auf mein T-Shirt. "Du kannst eh Deutsch mit mir reden. Was meint der Aufdruck auf deinem T-Shirt?", fragt sie mich, bevor sie mir einen Tisch anbietet. Ich erzähle ihr, dass ich von Österreich nach Rom unterwegs bin und dass wir zur Zeit das "Jahr der Barmherzigkeit" haben. Sie lacht ein wenig, gibt mir Platz und bringt mir dann eine Pizza, die aussieht, als befände sich das gesamte Leben eines Meeres auf dem großartig dünnen Pizzateig. Ich habe den Tag über kaum gegessen, nur geschwitzt, oft gehadert und mich über die unendlich bellenden Hunde geärgert. Der Abend wird zum Glücksbringer. Ich genieße jeden Bissen, da gehört einem das Leben wieder. Nebenbei schreibe ich in mein Tagebuch. Es sind wenig Leute im Lokal, und dann fragt mich die Kellnerin, ob sie sich kurz an meinen Tisch setzen könne. Sehr gerne, es ist doch schön, wieder einmal in der Muttersprache reden zu können. Sie komme aus Zürich und arbeite heute erst den 3. Tag hier. Sie sprach mich noch einmal auf das T-Shirt an. "Ja", sagte ich ihr, "ich möchte für etwas mehr Barmherzigkeit auf dieser Welt den Weg von Österreich nach Rom, also gut 1500Km, gehen. Unsere Welt muss im Umgang miteinader barmherziger werden." "Frommer Wunsch", knallt sie mir im schweizerischen Dialekt entgegen, "entschuldige, aber was willst du damit bewirken?" "Sehr direkt!", denke ich mir. "Genau das, was eben jetzt geschieht. Wir beide reden über Barmherzigkeit. Es geht auch um ein Bewusstwerden." Wir saßen noch lange in einem sehr persönlichen Gespräch, das weit in ihre Kindheit zurückging, über ihre schwierige Situation in Zürich, über den Grund, warum sie nach Italien mitten aufs Land gezogen ist und hier abreitet. Sie hat mit der Kirche nichts am Hut, und doch treffe ich an diesem Abend eine junge Frau voller Sehnsucht nach einem Gott, voller Sehnsucht nach Barmherzigkeit und vollen Willens, in diesem Leben mitgestalten zu dürfen. Irgendwie haben's manche besonders schwer.
"Ich hab noch nie mit jemandem so viel über Gott und Kirche geredet", sagt sie, als ich gehen will. "Wie heißt du?" "Ferdinand." Sie lacht. "Der Mann meiner Mutter heißt auch Ferdinand." "Also, dein Vater!" "Nein, mein Vater war nie ihr Mann."
Vorm Einschlafen dachte ich mir: Wir Christen müssen wieder mehr von unserem Glauben sprechen. Manchmal habe ich das Gefühl, wir verstecken uns hinter unserem Christentum, das doch die Religion ist, in der die Nächstenliebe am intensivsten verankert ist. Die Werke der Barmherzigkeit. Hoffentlich widerfährt der Kellnerin, die mich auf dem Weg immer wieder beschäftigt, Barmherzigkeit. Wenn Gerechtigkeit versagt, brauchen wir dringend Barmherzigkeit.
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