11.10.2016, 14:55 Uhr

Rom in "Sichtweite" - 1400 Kilometer geschafft

Greccio

Rieti. Bin gestern in Greccio gewesen und nach Rieti, dem geografischen Mittelpunkt Italiens, gegangen. In dieser Hochebene, eingekesselt von sanften Hügeln, verabschiede ich mich vom hl. Franziskus, dem ich in den letzten Wochen an ganz vielen Orten begegnet bin. Bis heute ist diese Gegend durch ihn geprägt. Viele Gegensätze - arm und reich - begleiten mich und bekomme Georgo nicht aus dem Kopf, der an einem Stausee eine Herberge betreibt und ein guter Wirt ist. Man sieht, wie ein einst blühender Geist mit der rasanten Entwicklung nicht mithalten kann und vermutlich auch nicht will. Zerknirscht sitzt er in seinem Restaurant, die meisten Tische edel gedeckt, für Gäste, die nicht mehr kommen, starrt einen Nachrichtensender und schüttelt in regelmäßigen Abständen den Kopf, kneift die Augen, schlägt mit der Faust auf den Tisch und ist wütend traurig. Zwischen Schicksalsschlägen, Betrügereien, Gaunereien, Korruption, Verbrechen, Mord und Krieg kreist seine tägliche Information, durchgehend von der Früh bis in die Abendstunden. Und genau von dieser Welt, scheint es, hat er genug. Er tut mir leid, und man hat den Eindruck, dass er so als "letzter Ehrlicher" an dieser verkehrten Welt zugrunde geht. Ich gebe ihm ein bisschen mehr Trinkgeld. Mit beiden Händern greift er nach meiner, lässt sie lange nicht aus und versucht mir zu sagen, dass ich ein bisschen Werbung für ihn machen soll.
Greccio ist einer von vier Orten in den Hügeln, die die Hochebene umgeben, wo der hl. Franziskus sich immer wieder zurückgezogen, gebetet und das Regelwerk für seinen Orden geschrieben hat. In Greccio hat Franziskus bei einem Weihnachtsfest Menschen die Geburt Christi darstellen lassen. Das war die Geburt der weihnachtlichen Krippe, die sehr schnell einen Erfolgslauf um die gesamte Welt machte. In einem kleinen Museum sind besondere Exponate aus der ganzen Welt zu sehen, beeindruckend das Stück aus Japan.
Ein etwas verregneter Tag heute, und so sitze ich nahezu allein in der Grotte vor den fast 1000 Jahre alten Fresken, dabeben kniet Franziskus vor der Krippe, der in Stein gemeißelte Gesichtsausdruck des Heiligen fesselt mich. Es ist, als ob er nahe daran wäre zu weinen, aber nicht aus Leid, aus Sorge, sondern aus Rührung, aus dem Fascinosum heraus, diesen besonderen Moment vor der Krippe der Menschwerdung erleben zu dürfen. Betroffenheit, die einen nicht belastet, sondern zum Leben befreit, Hoffnung schenkt. Ich denke an Georgo, wie er vor dem, was er sieht, immer kleiner und trauriger wird und an den Schlagzeilen dieser Welt den Atem verliert.
Ich gehe weiter, nur mehr wenige Etappen liegen vor mir. Rom, ich komme, und ich weiß, dass ich mich freue, weiß aber auch, dass so einen Weg zu Ende gehen zu dürfen auch mit ein wenig Wehmut verbunden ist. Schöne Wege bin ich gegangen, ganz große Natur und ein Eintauchen in ein mögliches Denken eines Franziskus, der seine Einfachheit ganz offensichtlich der Natur abgeschaut hat. Ich danke Gott für diese Tage und die vielen Gedanken.
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