18.10.2016, 10:29 Uhr

Radikalisierungs-Studie: "Niemand wird gerne stigmatisiert"

Die Arbeit der Jugendzentren wird von den Jugendlichen geschätzt: 83 Prozent gaben im Rahmen der Studie an, dass sie die Jugendarbeit davor schütze, "auf die schiefe Bahn zu geraten". (Foto: Wiener Jugendzentren)

Eine Studie in Wiener Jugendzentren beleuchtet unter anderem die Radikalisierungsgefährdung unter muslimischen Jugendlichen. Die Leiterin des Vereins Wiener Jugendzentren, Gabriele Langer, erklärt im bz-Interview, warum hysterische Schlagzeilen wenig dienlich sind, welche Rolle den Jugendzentren in Sachen Prävention zukommt, und warum sich die Gefahr islamistischer Radikalisierung, kaum von jener unterscheidet, die von rechtsextremen Gruppen oder Sekten ausgeht.

WIEN. Eine Studie, die die Stadt Wien unter Jugendlichen - die mehrheitlich Migrationshintergrund haben - durchgeführt hat, sorgt derzeit für aufgeregte Schlagzeilen. Zentrales Ergebnis der Studie war, dass 27 Prozent aller befragten muslimischen Jugendlichen "latent radikalisierungsgefährdet sind".

Aber das war nur eine von vielen Fragen, auch Werteeinstellungen und Einstellung gegenüber anderen Gruppen wurden abgefragt. Dabei machen sich sowohl antisemitische, wie auch homophobe Tendenzen bemerkbar. Aber auch über die Rolle der Jugendarbeit, den Umgang mit Abwertung und viele andere Fragen sind Gegenstand der Studie.

Dafür wurden in städtischen Jugendzentren 401 Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren befragt, von ihnen waren 214 islamischen Glaubens. Die Ergebnisse werden nun - einmal mehr, einmal weniger - reflektiert in den Medien diskutiert. Die Studienautoren, Caroline Nik Nafs und Kenan Güngör geben jedenfalls zu bedenken, dass das Ergebnis nicht repräsentativ für alle Wiener Jugendlichen sei. Denn die Befragten würden eher aus sozial schwächeren Milieus stammen.

Was sagt nun die Leiterin des Vereins Wiener Jugendzentren zu der Studie und ihrer Rezeption? Die bz hat bei Gabriele Langer nachgefragt.

Wie bewerten Sie generell diese Studie?
GABRIELE LANGER: Die Studie ist seriös gemacht. Die Wiener Jugendzentren waren eingebunden und wir finden uns darin durchaus wieder. Das Thema beschäftigt uns schon länger in der Jugendarbeit, weil wir gespürt haben, dass da "etwas in der Luft liegt". Insofern sind wir froh, dass die Stadt Wien reagiert hat und diese Studie in Auftrag gegeben hat.

Nun findet sich vor allem ein Ergebnis in den Schlagzeilen wieder: 27 Prozent der muslimischen Jugendlichen sind radikalisierungsgefährdet. Spiegelt diese Zahl ihre Erfahrungen in der täglichen Arbeit wieder?
Natürlich ist das jetzt der große Aufreger, aber die Studie war viel tiefgehender. Es wäre sehr verkürzt, wenn nur diese eine Zahl hängen bleibt. Was mir dabei wichtig ist: bei diesen 27 Prozent handelt es sich um "gefährdete Jugendliche" und nicht um "Gefährder", also ideologisch gefestigte, radikale Personen. Es geht um Jugendliche, die auf der Suche nach Orientierung sind und deshalb durch radikale Personen beeinflusst oder vereinnahmt werden könnten. Aber das Ergebnis der Studie ist definitv nicht, dass "27 Prozent der Jugendlichen radikale Islamisten" wären - wie das nun teilweise verbreitet wird.

Wie zentral ist das Thema der Radikalisierung generell in der Arbeit mit Jugendlichen? Und hat sich in den vergangenen Jahren etwas verändert in Ihrer Wahrnehmung?
Der Diskurs um Extremismus bzw. Abwertung, ist ja einer, der die gesamte Gesellschaft betrifft. Insofern ist das natürlich auch in den Jugendzentren präsent. Und natürlich sind Jugendliche besonders gefährdet, da sie auf der Suche nach Identität und Orientierung sind. Das ist in Wirklichkeit das gleiche Muster, wie auch bei rechtsextremen Gruppierungen oder Sekten: für Menschen bzw. Gruppen, die nach Zugehörigkeit suchen, werden Weltbilder, die auf einfachen Antworten basieren, angeboten. Was die mediale Darstellung betrifft überwiegt derzeit allerdings die Auseinandersetzung mit der Radikalisierung durch islamistische Gruppen.

Die Wiener Jugendzentren befassen sich auch mit Prävention. Wie funktioniert das, welche Angebote werden den Jugendlichen gemacht?
Grundsätzlich möchte ich sagen, dass es positiv ist, dass wir die Jugendlichen erreichen. Die Jugendzentren sind niedeschwellige Orte, für die weder eine Mitgliedschaft oder ein besonderes Talent, wie etwa in einem Sportverein, notwendig wären. Und in unserer Arbeit verfolgen wir zwei Prinzipien. Erstens ist es uns sehr wichtig, viele unterschiedliche Gruppen anzusprechen, um dadurch Begegnung, Austausch und ein Kennenlernen möglich zu machen. Denn das ist ja auch ein wesentliches Ergebnis dieser Studie: Ein gutes Mittel gegen Abwertung von anderen Gruppen ist, in Kontakt mit den "anderen" zu kommen und sich kennen zu lernen. Deshalb sind gemischte Gruppen auch so wichtig.

Was ist das zweite Prinzip?
In der Fachsprache nennen wir das "Kritische Parteilichkeit". Die Voraussetzung dafür ist, gute und tragfähige Beziehungen zu den Jugendlichen aufzubauen um dann auf der Seite der Jugendlichen zu stehen. Das heißt aber keineswegs, dass wir alle Handlungen der Jugendlichen unhinterfragt stehen lassen. Es geht aber sehr wohl darum, den Jugendlichen zu zeigen, dass wir sie als Person nicht ablehnen. Wir brechen die Beziehung nicht ab, sagen aber sehr wohl, dass "das, was du gemacht hast, falsch war". Das haben ja auch 83 Prozent der Jugendlichen in der Studie gesagt, nämlich, dass sie die Jugendarbeit davor beschützt, auf die "schiefe Bahn" zu geraten. Das ist nichts was von heute auf morgen passiert, das ist ein ständiger Prozess.

Wie nehmen Jugendliche, die Jugendzentren besuchen, Studien bzw. Schlagzeilen wie eben jene zur Radikalisierung, auf?
Zur aktuellen Studie kann ich noch nichts sagen, nachdem die ja erst seit kurzem in den Medien ist. Ganz generell lässt sich aber sagen, dass die mediale Berichterstattung für die Präventionsarbeit oft nicht sinnvoll ist. Als Beispiel kann hier der Sensationsjournalismus über Jugendliche angeführt werden, die sich dem IS angschlossen haben und von zuhause ausgerissen sind. Diese Schlagzeilen waren sehr kontraproduktiv, weil sie nahe gelegt haben, dass so etwas zu "Berühmtheit" führt. Und abseits davon gilt für Jugendliche das, was für alle anderen auch gilt: Niemand wird gerne stigmatisiert, schon gar nicht als Gruppe. Die Jugendlichen wollen als Individuen, als Menschen wahrgenommen werden.

VERANSTALTUNGSHINWEIS: Am 9. November wird Verena Fabris (Beratungsstelle für Extremismus) um 18 Uhr in der BV Josefstadt (Schlesingerplatz 4) Fragen beantworten – egal, ob es um Ihr eigenes Kind oder um Ihnen anvertraute Schüler oder Jugendliche geht. Anmeldung bis 3.11.: 01/400008116, post@bv08.wien.gv.at
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Zoltán Odri aus Josefstadt | 18.10.2016 | 14:06   Melden
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