06.07.2016, 11:30 Uhr

"Frauen in die Politik" – Bürgermeisterin Gabriella Gehmacher im Interview

"Mir ist es noch nie um Parteipolitik gegangen", erzählt Bürgermeisterin Gabriella Gehmacher.

Gabriella Gehmacher über Geschlechterverteilung und Männernetzwerke.

In 35 der 37 Flachgauer Gemeinden ist ein Mann Ortschef. Wäre es wichtig, dass mehr Frauen Bürgermeisterinnen werden?
GABRIELLA GEHMACHER: Grundsätzlich tue ich mir schwer mit solchen Fragen. Wichtig ist, dass der Bürgermeister oder die Bürgermeisterin die Aufgaben gerne, mit Überzeugung und für die Bevölkerung macht. Das können Frauen genauso wie Männer. Das Geschlecht darf kein Ausschließungsgrund sein. Ich würde mir mehr Frauen als Bürgermeisterinnen, Gemeindevertreterinnen oder Landesrätinnen wünschen.

Was wird sich durch Sie als Bürgermeisterin speziell für Frauen in der Gemeinde verbessern?
Ich denke, dass ich natürlich durch mein Frau-Sein auch meine Frauennetzwerke benutze und damit die Interessen der Frauen jetzt in der Gemeindepolitik mehr berücksichtigt werden. Grundsätzlich bin ich aber Bürgermeisterin für alle – da mache ich keinen Unterschied. Mir ist wichtig, dass Frauen dieselben Möglichkeiten haben wie Männer. Mädchen brauchen bei Bildung dieselben Zugänge wie Buben. Zudem ist es mir ein Anliegen, dass sie in ihrem Selbstbewusstsein gefördert werden – etwa durch Selbstverteidigungskurse, bei Soloauftritten in der Musikkapelle oder bei der Feuerwehr. Dort würde ich mir mehr weibliches Engagement wünschen. Eine ganz wichtige Rolle spielen Frauen bei Anif Kultur und natürlich als Anifer Bäuerinnen im Gemeindegeschehen.

Gibt es Ihrer Meinung nach Unterschiede zwischen "männlicher" und "weiblicher" Politik?
Es gibt typische Männernetzwerke und typisch männliches Verhalten. Männernetzwerke sind zum Beispiel der Fußballverein oder "noch" die lokale Feuerwehr, da können aber Frauen künftig auch eine wichtige Rolle spielen. Dass Frauen eher intuitiv und Männer eher sachlich an Themen herangehen, kann ich nicht bestätigen. Ich erlebe, dass Frauen freier und ohne Sorge, die erreichte Position zu verlieren, agieren. Oft sagen sie direkt, was sie denken. Man kann sagen, sie handeln damit unabhängiger. Und diese Unabhängigkeit ist mir besonders wichtig.

Wie sind Sie zur Politik gekommen?
Ich bin immer sozial engagiert gewesen. Politik habe ich aus den Medien verfolgt, war aber nicht aktiv – schon gar nicht parteipolitisch. Als ich mit meinen Kindern zuhause war, brachte mich mein Engagement dazu, mit einer Kollegin die Anifer Eltern-Kind-Initiative zu leiten. Dabei habe ich erfahren, wie wichtig mir der Kontakt zu Menschen und soziale Fragestellungen sind. In der Folge habe ich dann, nach einer Ausbildung als Gedächtnistrainerin, in Seniorenheimen gearbeitet. Dadurch hat sich der Kontakt zu meinem Vorgänger, Hans Krüger, ergeben. Er hat gefragt, ob ich kandidieren wolle. Für mich war das die Fortsetzung meines sozialen Engagements. Dass ich einmal Bürgermeisterin werde, hätte ich damals nicht gedacht.

Glauben Sie, dass Mobbing gegen eine weibliche Bürgermeisterkandidatin – wie in Vorarlberg, wo eine dreifache Mutter nicht angetreten ist, weil sie sich "um die Kinder kümmern soll" – bei uns auch denkbar wäre?
Ich hätte nicht gedacht, dass im heutigen Österreich so etwas noch passieren kann. Vorarlberg ist nun wirklich nicht so weit weg. Bei uns in Anif ist und war das überhaupt nicht so. Natürlich gab es während des Wahlkampfes und in den ersten Monaten meiner Amtszeit einige, die mir das nicht zugetraut haben. Da hat sicherlich die Tatsache, dass ich eine Frau bin, eine gewisse Rolle gespielt. Heute sehe ich das völlig entspannt und erlebe viel positive Resonanz – auch von denen, die zunächst mit einer Frau im Amt so ihre Probleme hatten. Frauen müssen wehrhafter werden, dürfen sich derart unqualifiziertes Mobbing nicht gefallen lassen. Hier müssen sie in der Politik über alle Parteigrenzen hinweg solidarisch sein und für den richtigen Fokus sorgen. Mich würde ja schon interessieren, wenn jemand etwa unseren Landeshauptmann beim Amtsantritt fragen würde, wie er das jetzt mit seinen Kindern organisiert.

Haben Sie aktuell ein Lieblingsthema, an dem Sie für die Gemeinde arbeiten?
Neben aktuellen Themen wie der Anbindung des Ortes an die Regionalstadtbahn, leistbarer Wohnraum und Schutz des Grünlandes ist es mir besonders wichtig, dass es Kindern, jungen Menschen und Familien, aber auch Senioren gut geht. Dass sie ihren Platz haben und die Umweltbedingungen so gut bleiben wie heute – oder sogar besser werden. Dazu gehören auch Freizeitangebote der Vereine, unser Sommersportprogramm in den Ferien und die Aktivitäten von Anif Kultur. Das Miteinander im Ort ist Anifs Stärke – und das funktioniert generationenübergreifend.
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