26.07.2016, 10:36 Uhr

Verrückt und stolz darauf: die genialen Erfinder und Erfindungen des Nonseum Herrnbaumgarten

Betty und Fritz Gall testen erfolgreich das Geschirr für Geschmackloses. (Foto: Wolfgang Duchkowitsch)

Alles begann mit einem sechsflächigen Tischtuch. Ein Ende des zum Kulturgut erhobenen Nonsens ist auch nach 33 Jahren nicht absehbar.

HERRNBAUMGARTEN. Der Gehstock für Knierutscher erhöht den Grad der Unterwerfung, die Selbstgespräch-Ecke für frustrierte Lehrer erfreut auch Eltern erziehungsresistenter Sprösslinge und der Teller mit Abfluss, um Geschmackloses wegzustöpseln, löst so manch kulinarisches Dilemma beim Familienessen von Schwiegermutter. Kurz gesagt: Auf den ersten Blick findet jeder Besucher des Nonseums Alltagsgegenstände, wie sie praktischer nicht sein könnten. Und doch handelt es sich - so die offizielle Diktion der genialen Herrnbaumgartner Erfinder - bei jedem Exponat um Unsinniges, um nutzlose Erfindungen, die die Welt auch bisher nicht gebraucht hat.

Sternstunde des Nonsens

Die Erfinder, das waren David Staretz, Fritz Gall, Gottfried Umschaid, Peter Zott und Stefan Slupetzky. Ihre kreative Sternstunde 1983, als sie staunend registrierten, wie eine Kellnerin ein mit Gulasch bekleckertes Tischtuch umdrehte und wieder verwendete, war Startschuss für die nicht abreißende Serie nonsealer Kreativität. Vom sechsseitigen Tischtuch ging es weiter über die Nonsens-Erfindermesse zu Events, die an Sinnbefreiung kaum zu überbieten sind. "Dass wir im Weinviertel, dem Ort der halbleeren Weingläser, den Wandertag für Pessimisten veranstalten, liegt auf der Hand", findet Fritz Gall, Mastermind des "Vereins zur Verwertung von Gedankenüberschüssen", kurz VVG. Der Wanderer lernt fachkundig über's Viertel zu weinen, verbringt die Zeit in tiefster Niedergeschlagenheit bei Wein-Proben und wankt mit der weltuntergangserfahrenen Pessimistengemeinde zu Orten unsäglicher Trauer.

Hilfe für einsame Sockensingles

Ähnlich dramatisch gestaltet sich der Wandertag "Ehret den Sock", bei dem vereinsamte Sockensingles ihr tristes Dasein in der Schublade beenden dürfen und Sock‘ für Sock‘ gewürdigt werden.
Die Erfolgsgeschichte des Nonsens setzte sich seit 1983 ungebrochen fort. Auf die erste Nonsens-Erfindermesse folgte 1987 das 24-Stunden-Weinbergschneckenrennen, 1991 die Gründung des VVG, 2001 die Proklamation Herrnbaumgartens zum "verruckten Dorf", um nur einiges an Nutzlosigkeit zu nennen.

Schwachsinn vom Weinviertel bis Amerika

1994 wurde das Nonseum als Raum für die überbordende Phantasie der Verruckten eröffnet und 2012 erweitert. Hier finden auch Lachyoga und Führungen für internationales Publikum statt. "Nonsens funktioniert von Herrnbaumgarten bis New York", weiß Fritz Gall. Ego-Geld mit dem eigenen Konterfei eignet sich als Zahlungsmittel auf der ganzen Welt ebenso wie der trag- und ausrollbare Zebrastreifen und der Gelsendippel-Schutz, unter dem sich Juckreiz ungestört ausbreiten kann. "Voraussetzung unserer Erfindungen aus der Not heraus ist, dass sie in sich scheitern." Die Erfinder stehen zu ihrem Schwachsinn. Gall: "Das unterscheidet uns wohltuend von der Marktwirtschaft."
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