05.07.2016, 12:43 Uhr

Gmünder Projekt „Healthacross in Practice“ ist Vorbild für Krankenhaus an deutsch-polnischer Grenze

Primarius Michael Böhm berichtet über die Gmünder Projekte „Healthacross“ und „Healthacross in Practice“. (Foto: privat)

Das Team des EU-Projektes „Healthacross in Practice“ und Vertreter des Landesklinikums Gmünd folgten einer Einladung in die Grenzstadt Guben (DE) zum Aufbau deutsch-polnischer Zusammenarbeit im Gesundheitsbereich.

GMÜND. Im Frühjahr 2015 besichtigte eine Delegation des Naemi-Wilke-Stiftes (ein im Jahre 1878 aus einer Privatstiftung heraus gegründetes kirchliches Krankenhaus in Guben) das Landesklinikum Gmünd um sich über die geförderten grenzüberschreitenden EU-Gesundheitsprojekte „Healthacross“ und „Healthacross in practice“ zu informieren. Die Gäste waren damals äußerst beeindruckt von den bisherigen Ergebnissen der grenzüberschreitenden Gesundheitsversorgung mit Tschechien.
Vom 6. – 8. Juni folgte die niederösterreichische Expertengruppe einer Gegeneinladung nach Guben zur Teilnahme an einem vom Naemi-Wilke-Stift organisierten deutsch-polnischen Workshop zur Entwicklung einer grenzübergreifenden medizinischen Versorgung polnischer Patienten nach Gmünder Vorbild.
Die geografische Lage der Städte Guben und Gmünd, die geschichtliche Entwicklung und die Struktur der beiden Krankenhäuser sind verblüffend ähnlich.
Zunächst einige Eckdaten: Die deutsche Stadt Guben liegt im Südosten des Landes Brandenburg, am westlichen Ufer der Lausitzer Neiße. Gegenüber am östlichen Ufer befindet sich die polnische Stadt Gubin. Guben wurde in den letzten Kriegsmonaten 1945 fast völlig zerstört. Die Ruine der im 14. Jhdt. erbauten spätgotischen Stadtkirche ist heute noch Zeuge der schrecklichen Kriegsereignisse. In dem im August 1945 geschlossenen Potsdamer Abkommen erfolgte eine endgültige Trennung der Stadt Guben in einen deutschen und einen polnischen Teil. Heute verbinden ein Straßen-, ein Eisenbahnübergang und eine Fußgängerbrücke die Städte Guben/Gubin.
Auch Gmünd musste nach dem Zerfall der Donaumonarchie einen Teil seines Territoriums, das heutige České Velenice, infolge des Vertrags von Saint-Germain 1919 an die Tschechoslowakei abtreten. Der Verlauf der Lainsitz trennt die beiden Städte, die heute ebenfalls über einen Straßen-, einen Eisenbahnübergang und eine Fußgängerbrücke erreichbar sind.

Das Landesklinikum Gmünd verfügt derzeit über 155 Betten. Das Naemi-Wilke-Stift ist mit ca. 150 Betten und den Abteilungen Anästhesiologie, Chirurgie, Innere Medizin und Orthopädie, sowie Röntgen, Labor und Ambulanzen, um einige Gemeinsamkeiten aufzuzählen, ähnlich strukturiert.
Tschechische Patienten hatten noch vor einigen Jahren keine Möglichkeit einer medizinischen Behandlung im Landesklinikum Gmünd und mussten ins ca. 60 km entfernte Krankenhaus nach Budweis ausweichen. Das Krankenhaus im polnischen Gubin wurde im Jahr 2012 geschlossen. Dementsprechend groß ist sowohl das Interesse der tschechischen als auch polnischen Bevölkerung sich in den ganz in der Nähe befindenden Krankenhäusern, also in Gmünd bzw. Guben behandeln zu lassen. Die ambulante Behandlung von tschechischen Patienten im Landesklinikum Gmünd gehört heute durch das Projekt „Healthacross in practice“ inzwischen zum alltäglichen Routinebetrieb. Rund 2.800 tschechische Patienten die im Landesklinikum Gmünd bereits ambulant versorgt wurden sind der Beweis dafür, dass eine grenzüberschreitende Gesundheitsversorgung bestens funktionieren kann. Polnischen Patienten (ausgenommen solche, die im angrenzenden Deutschland arbeiten und dort versichert sind) steht diese Option derzeit in Guben nicht zur Verfügung und sie müssen zur Behandlung ins nächstgelegene 30 km entfernte Krankenhaus in Polen fahren.

Die Euroregion Spree-Neiße-Bober ist eine von vier Euroregionen entlang der deutsch-polnischen Grenze und Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Europäischer Grenzregionen (AGEG). Gefördert aus Mitteln des Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE), einem Strukturfonds der EU der für den wirtschaftlichen Aufholprozess ärmerer Regionen sorgen soll, konnten in einer Förderperiode 2007 – 2013 bereits 380 deutsch-polnische Begegnungs- und Netzwerkprojekte (INTERREG) umgesetzt werden. Ein gefördertes Projekt davon war z.B. ein „Deutsch-Polnischer Tag der offenen Tür im Naemi-Wilke-Stift“. Das Interesse einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit mit den polnischen Nachbarn dokumentieren zwei weitere, nicht EU-geförderte Aktivitäten des Naemi-Wilke-Stiftes, nämlich eine „Deutsch-Polnische Fachtagung 2014“ und ein „Deutsch-Polnischer Gesundheitstag“. In einer neuen Strukturfondsperiode 2014 – 2020 läuft das deutsch-polnische Kooperationsprogramm unverändert weiter. Da bisher nicht alle demografisch bedingten Themen vertiefend behandelt werden konnten, soll durch den Start des neuen Programms „INTERREG V“ ein besonderer Fokus auf Gesundheitsthemen gerichtet werden, wie z.B. „Regionale Gegebenheiten in der Gesundheitsversorgung Guben/Gubin“ oder „Zusammenarbeit im Rettungsdienst“.

Ein Treffen von Vertretern der Euroregion Spree-Neiße-Bober, dem Bürgermeister von Gubin, einem Vertreter der polnischen Krankenversicherungsanstalt (NFZ), dem Stiftungsvorstand, Mitarbeitern des Naemi-Wilke-Stiftes, des Projektteams und Vertretern des Landesklinikums Gmünd im Rathaus der polnischen Stadt Gubin diente einem internationalen Erfahrungsaustausch betreffend grenzübergreifender Zusammenarbeit im Gesundheitswesen. Die Vertreter es EU-Projektteams und Vertreter des Landesklinikums Gmünd präsentierten anhand von Power-Point-Vorträgen die positiven Erfahrungen der umgesetzten Projekte in Gmünd und informierten über geplante zukünftige Projekte. In Anlehnung an das österreichische Projekt „Healthacross“ überlegt das Naemi-Wilke-Stift ebenfalls, mithilfe von EU-Fördermitteln in einem Projektzeitraum vom 1.1.2017 – 31.12.2019 ein Kommunikations- und Kooperationszentrums für grenzübergreifende Gesundheitsversorgung in der Eurostadt Guben/Gubin unter dem Projekttitel „Gesundheit ohne Grenzen – Zdrowie bez Granic“ zu implementieren.

Diskussionen in Kleingruppen der am Workshop teilnehmenden österreichischen und deutschen Ärzte, Vertreter der Pflege und des kaufmännischen Bereiches dienten einerseits dem fachspezifischen Erfahrungsaustausch der einzelnen Berufsgruppen und andererseits der Unterstützung für das angestrebte Gubener EU-Projekt. Die erfolgreich umgesetzten EU-Projekte „Healthacross“ und „Healthacross in Practice“ wurden bei den Überlegungen immer wieder als Vorbild herangezogen. Sie sind heute international anerkannt und inzwischen der Beweis dafür, dass künstlich geschaffene Grenzen mehr und mehr ihren Schrecken verlieren. Durch Bemühen, Aufgeschlossenheit und Toleranz sowohl auf österreichischer als auch auf tschechischer Seite und Unterstützung eines außergewöhnlich engagierten EU-Projektteams des NÖGUS unter der Leitung von Mag. Elke Ledl ist die großartige Idee einer grenzüberschreitenden Gesundheitsversorgung in Gmünd inzwischen den Kinderschuhen entwachsen und gelebte Realität die international Aufsehen erregt.
Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts, damals noch weit entfernt von einem wirtschaftlich geeinten Europa, traf der Automobilhersteller Henry Ford eine Aussage die den Gedanken der Europäischen Union nicht besser beschreiben könnte und heute aktueller denn je ist. Er meinte damals: „Zusammenkommen ist ein Beginn, zusammenbleiben ein Fortschritt und zusammenarbeiten ein Erfolg“.
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