06.07.2016, 07:00 Uhr

Flüchtlingshilfe zwischen Lernprozessen und Hasspostings

Herwig und Britta Zollneritsch aus Thal unterstützen Flüchtlinge u. a. mit dem 'coaches4you'-Programm. (Foto: WOCHE)

Warum leisten Menschen Flüchtlingshilfe und wo stoßen sie an ihre Grenzen? Wir haben nachgefragt.

Christine Franz, Madeleine Heinrich sowie Britta und Herwig Zollneritsch haben sich dazu entschlossen, aktiv Flüchtlingshilfe zu leisten. Sie spenden Zeit, geben Deutschkurse, organisieren Spenden oder unterstützen bei der Erledigung alltäglicher Hürden. Aus der akuten Hilfe wurden langfristige ehrenamtliche Tätigkeiten, die – wie auch die Helfer selbst – langsam an ihre Grenzen stoßen (siehe: "Herausforderungen und Unterstützung für Ehrenamtliche").
Wir haben die Freiwilligen zu Wort kommen lassen und uns über ehrenamtliche Arbeit, die man gerne tut, die aber auch mit Anfeindungen zu kämpfen hat, unterhalten.

WOCHE: Können Sie die Menschen verstehen, die den Flüchtlingen mit Vorsicht entgegentreten?
B. Zollneritsch: Ja. Aber wenn die Flüchtlinge schon da sind, muss eine rasche Integration erfolgen, die nur dann funktioniert, wenn alle mitanpacken. Wissen Sie, ich liebe mein Land, und ich will, dass es so bleibt, wie es ist. Immer nur dagegenarbeiten ist nicht hilfreich für die Integration der Flüchtlinge, und so entsteht ein Ungleichgewicht im Land.

Wo entstehen Reibungspunkte?
H. Zollneritsch: Besonders im ländlichen Bereich, wo es am wenigsten Berührungspunkte mit Flüchtlingen gibt, werden Vorurteile schnell hervorgerufen. Es hat sich gezeigt, dass diese bei der Zusammenkunft zwischen Bevölkerung und Flüchtlingen eigentlich verschwinden.

Wodurch kann Integration rasch funktionieren?
B. Zollneritsch: Durch Bildung, Chancen auf Jobs und Beschäftigung. Ich denke aber, es ist kein Problem der Herkunft, sondern der sozialen Schichten. Beim ersten Flüchtlingsstrom kamen wesentlich mehr Menschen, die einen höheren Bildungsgrad und höher gestellte Jobs in ihren Heimatländern hatten. Der Förderbedarf ist jetzt ein anderer.

Eint die gemeinsame Sprache?
C. Franz: Sprache ist der Schlüssel. Das ist die Basis, um miteinander in Kontakt zu treten.
M. Heinrich: Alles andere ist ein Lernprozess. Dass wir uns z. B. in Österreich zur Begrüßung die Hand geben, musste den Flüchtlingen erklärt werden. Nun ist das kein Thema mehr.

Fühlen Sie sich von der Politik ausreichend unter die Arme gegriffen?
B. Zollneritsch: Zu Beginn spürte man deutlich, wie gut die Vernetzungsarbeit in den Gemeinden gelingt. Aber das ist Freiwilligenarbeit. Es ist die Aufgabe der Regierung, die Bevölkerung ausreichend über die Situation aufzuklären und Mittel zur Integration möglich zu machen. Das ist keine Kostenfrage, sondern eine Frage der Verantwortung.
C. Franz: Anfangs war es schon schwer. Wir mussten für die Deutschkurse alles regeln und waren auf Spendengelder angewiesen. Langsam läuft es, aber vieles funktioniert noch immer nicht. Wir haben z. B. nur einen Raum zur Verfügung, in dem wir zwei unterschiedliche Sprachniveau-Gruppen gleichzeitig unterrichten. Es wäre auch schön, wenn irgendwann jemand von der Gemeinde mal vorbeischaut, um zu sehen, was hier passiert. Das wäre ein gutes Zeichen der Wertschätzung.

Wo stößt die Flüchtlingshilfe an ihre Grenzen?
Bei mir ist es oft ein zeitliches Problem, ich habe einen 40-Stunden-Job und mache nebenher die Freiwilligenarbeit. Ich mache das gerne, aber es ist schwierig, bei der knappen Zeit auf jeden einzeln einzugehen. Es herrscht ein ständiger Wechsel unter den Flüchtlingen. Wir starten immer wieder von vorne.
M. Heinrich: Wir sind auch keine ausgebildeten DAF/DAZ-Lehrer (Anm.: 'Deutsch als Fremdsprache'/'Deutsch als Zweitsprache'), sodass wir einen anderen Zugang zur Sprachvermittlung haben. Da fehlt es eindeutig an Unterstützung.

Lohnt es sich dann, zu helfen?
B. Zollneritsch: Helfen hat immer Sinn, aber kaum den Effekt, den er haben sollte. Wenn ich mir anhören muss, dass die Freiwilligen Schuld daran seien, dass überhaupt Flüchtlinge in Österreich sind ... das kann doch nicht sein, dass die Menschen, die helfen, schlechtgemacht werden.

Werden Sie etwa für Ihre Tätigkeiten angefeindet?
B. Zollneritsch: Aber ja. Persönlich weniger, aber ich bekomme Nachrichten, in denen ich übel beschimpft werde, und erhalte über Facebook Hasspostings. Das ist schon frustrierend.
H. Zollneritsch: Mit vielen kann man gar nicht normal über das Flüchtlingsthema sprechen. Aber diesen Leuten darf man auch nicht den Boden überlassen.
C. Franz: Ich hab schon lange aufgehört, mich für das, was ich hier tue, auf sozialen Netzwerken zu rechtfertigen. Dafür musste ich das schon im Familien- und Freundeskreis machen, weil einige nicht verstehen, warum ich in dieser Form helfen will.

Wie gehen Sie damit um?
B. Zollneritsch: Ich werde nicht müde, nicht verstummen. Man darf nicht aufhören, menschlich zu sein. Ich will niemanden zum Umdenken, aber zum Nachdenken anregen.
H. Zollneritsch: Ich muss niemanden überzeugen, aber ich versuche, die Halbwahrheiten, die einfach weitergetragen werden, richtigzustellen.
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