17.03.2016, 05:30 Uhr

Heute muss ich in Dekaden denken

Raus aus der virtuellen Welt! Waldboden ist der beste Grund für Entschleunigung.

Eine hölzerne Theke allein reicht Theo Schirgi nicht zum Glücklichsein – bei ihm fängt Zufriedenheit erst so richtig im Wald an.

Beinahe drei Jahrzehnte drehte sich die Welt von Theodor Schirgi vorwiegend um den elterlichen Gasthof in Lieboch. Seinen Ausgleich fand der gelernte Koch/Kellner im Motorsport. Bis ihn der Geschwindigkeitsrausch eines Tages direkt in ein Spitalsbett katapultiert hat – und zwar gleich für längere Zeit.

Beschleunigung

„Wer ein Leben mit Vollgas gewohnt ist, verkraftet es kaum, wenn er ans Bett gefesselt ist“, erzählt der 43-Jährige. Also fing er an zu überlegen, wie er die kommende Zeit nutzen sollte. Tanzen schied eher aus, also lag etwas Ruhiges wie Lernen auf der Hand. Da zum elterlichen Besitz auch Wälder gehören, drängte sich die Jagdprüfung geradezu auf. In den 13 Jahren, die auf den Motorradunfall folgten, hat sich nicht nur die Welt rund um Theo Schirgi verändert, sondern vor allem er selbst.
Aus der Jagdprüfung erwuchs ein Interesse für den Wald, das sich mittlerweile beinahe zum Fanatismus entwickelt hat. Erst ließ er sich an der Forstlichen Ausbildungsstätte Pichl berufsbegleitend zum Forstwirt ausbilden, anschließend hat er mehr als 40 Kurse in den letzten zehn Jahren absolviert. Derzeit gehört sein Herz der Waldpädagogik, wo er die Ausbildung heuer im Juni abschließen wird. Den Wald mit allen Sinnen zu erleben und anderen Menschen nahezubringen, ist für ihn Gebot der Stunde. „Die heutigen Generationen haben sich stark von der Natur abgewendet. Sie leben in einer Plastikwelt“, sieht er darin eine bedenkliche Entwicklung, denn „die Natur braucht den Menschen nicht, der Mensch hingegen braucht die Natur sehr wohl!“. Umso wichtiger ist es ihm, Erwachsene ebenso wie Kinder aus ihrer „digitalen Demenz“ herauszuholen. Erde bedeutet ihm nicht Schmutz, sondern Leben.

Entschleunigung

Für die Unterstützung seiner Mutter, der Krughof-Wirtin, und seine Gäste muss freilich Zeit bleiben. Wenn der Ruf „Theo, komm´ abschmecken“ erschallt, ist er zur Stelle. Im Service geht es freilich mitunter hektisch zu und auch am Motorrad zählen noch hin und wieder die Hundertstelsekunden. Ganz anders jedoch, sobald der Wirt zum Forstwirt wird und schaut, was sich in seinem selbst angelegten Arboretum so tut. Einige seiner in- und ausländischen Schützlinge sprießen fröhlich in die Höhe, andere sind Schädlingen zum Opfer gefallen – aber was wirklich daraus entsteht, wird sich erst in Jahrzehnten zeigen: „Vorausschauendes Denken ist das Los der Waldbauern. Wir werden nie ernten was wir säen. In 120 Jahren stehen die Bäume in voller Pracht – ich bin dann eben nicht mehr da.“
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