16.03.2016, 08:00 Uhr

Extremsportler Paul Guschlbauer: Extreme Freiheit

Über den Wolken: Paul Guschlbauer fühlt sich nirgendwo so frei wie beim Fliegen mit seinem Gleitschirm. (Foto: Mirja Geh/Red Bull Content Pool)

Die WOCHE-Werteserie befasst sich diese Woche mit dem Thema Freiheit.

Was bedeutet eigentlich Freiheit? Man kann versuchen, den Begriff aus Sicht der Wissenschaft zu erklären, wie Soziologieprofessor Stephan Moebius unter diesem Link, oder man begreift die Freiheit als individuelles Gefühl, als persönliche Einstellung. Aber wo beginnt eigentlich die eigene Freiheit und wann fängt sie an, jene eines anderen zu beschneiden? Wir haben uns darüber mit dem Grazer Extremsportler Paul Guschlbauer unterhalten, für den seine persönliche Freiheit (beinahe) über allem steht. In all ihrer Ambivalenz.

Kein Weg, keine Straße

Für Guschlbauer, wohl einer der besten Gleitschirmpiloten der Welt und unter anderem schon zwei Mal bei den „X-Alps“ unter den Top drei, wo es darum geht, nur mit dem Paragleiter und den eigenen Füßen von Salzburg nach Monacco zu kommen, ist es die Zeit in der Luft, während der er sich am freiesten fühlt: „Das Fliegen ist der Moment, in dem du komplett frei entscheiden kannst, was du als nächstes tust. Das ist der Grund, warum ich fliege – für andere wahrscheinlich auch. Es gibt keinen Weg und keine Straße der du folgst, sobald du in der Luft bist, bist du frei – zumindest bis zu einem gewissen Grad.“

Freiheitsliebe als Charakterzug

Dass er 2002 im Alter von 19 Jahren mit dem Paragleiten begonnen hat, war für Guschlbauer genau deshalb wohl auch kein Zufall: „Mir ist die Freiheit, immer entscheiden zu können, was ich als nächstes tue, in meinem Leben generell extrem wichtig. Ich tue mir schwer damit mich festzulegen und zum Beispiel jetzt schon zu entscheiden, was ich in zwei Wochen machen werde.“ Eine Charaktereigenschaft, die es für den Sportler vielleicht sogar fast unvermeidbar gemacht hat, dort zu landen wo er jetzt ist: „Leute wie ich gelangen wahrscheinlich früher oder später deshalb zum Fliegen, weil sich diese Entscheidungsfreiheit genau dort so extrem widerspiegelt.“

Absolute Freiheit?

Muss man mit dieser Abneigung gegen jede Art der Planung aber nicht doch auch auf Manches verzichten? Eine Ambivalenz, über die sich auch Paul Guschlbauer viele Gedanken macht. „Wahre Freiheit zu finden, bedeutet natürlich für jeden etwas anderes. Auf gewisse Weise schränkt man sich natürlich auch ein, wenn man sich alles offen hält und sich nie festlegt, ist man auch ständig hin- und hergerissen.“

Die Freiheit anderer

Gleichzeitig ist sich Guschlbauer aber durchaus darüber im Klaren, dass sein Drang nach extremer persönlicher Freiheit immer wieder auch andere einschränkt. „Diese Freiheit kann auch zu einer Nicht-Bindungsfähigkeit führen. Wenn du dich nie festlegst, um selbst möglichst frei handeln zu können, sind andere Menschen oft ‚mitgehangen, mitgefangen‘. Ich merke bei mir, dass ich meine eigene Freiheit oft über andere stelle.“ Etwas, das vor allem in einer Beziehung zu Reibungen führen kann. „Das heißt nicht, dass ich das nicht ändern möchte. Aber ein Grundcharakterzug wird wohl immer bleiben.“ Wohl auch, weil es gerade im Spitzensport häufig entscheidend ist, zuerst auf sich selbst zu schauen: „Meine Konkurrenten auf diesem Niveau sind jedenfalls absolut kompromisslos. Egoismus ist ja nicht nur negativ, er bedeutet auch, gut auf sich selbst zu schauen.“
Er bedeutet im Fall von Paul Guschlbauer aber auch, für die eigene Freiheit sogar die Gesundheit zu riskieren: „Noch schlimmer, als wenn etwas passiert, wäre es ein Leben lang darauf zu verzichten und stattdessen zuhause zu sitzen.“


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