09.03.2016, 07:00 Uhr

Wenn das Kind zu lang im Nest der Eltern sitzt

Ihr erwachsenes Kind will das Haus nicht verlassen? Der Psychologe weiß, wie Sie daran arbeiten. (Foto: Bilderbox)

Kinder bleiben heute oft noch im Erwachsenenalter zuhause. Wie erzieht man einen „Nesthocker“ zur Selbstständigkeit?

Ihr Kind ist erwachsen und genießt noch immer das Hotel Mama? Dr. Streit erklärt das Phänomen von Nesthockern und gibt Tipps, wie Sie Ihr Kind aus dem Nest befördern können.

Die Gründe
1) Längere Ausbildungszeiten
Ein maßgeblicher Grund, warum „Kinder“ länger zu Hause bleiben, sind die verlängerten Ausbildungszeiten. Überall wird eine höhere Bildung angestrebt. Dabei verlagern sich Themen wie Selbstständigkeit, Familiengründung, Kinder kriegen und auch der eigene Job nach hinten. Oft kann man diese Verlagerung bis zum 25. oder sogar 30. Lebensjahr beobachten.
2) Höherer Berufsdruck
Mit schwindenden Berufsaussichten wird der Druck auf die Jugendlichen immer größer. Sie sollen immer besser und mehr können als die anderen. Das kann Stress hervorrufen. Als Resultat bleiben Sie oft länger zuhause, um sich nicht dem wahren Leben stellen zu müssen.

Überfürsorgliche Eltern
Vielen Kindern fehlt auch die Bereitschaft, sich konstruktiv mit der Bewältigung des eigenen Lebens auseinanderzusetzen, weil sie von zuhause aus eine Überfürsorge erlebt haben. Die sogenannten Nesthocker verlieren ihre Zuversicht, etwas selbst machen zu können und das Selbstbewusstsein, die Kompetenz dafür aufzubringen. Oftmals erfolgen auch Schuldzuweisungen der „Nesthocker“ an die Eltern. Dem muss mit Widerstand entgegnet werden. Dabei gilt allerdings, nicht zu drohen oder bestrafen, da dies eine Versagensangst nur fördern könnte. Es braucht klare Haltungen und entschiedene Botschaften, welche die Eltern an ihre Kinder vermitteln müssen.

Die Tipps vom Psychologen:
1. Reflektieren Sie. Wie war Ihr Weg zu Selbstständigkeit? Was hat Ihnen geholfen? Was Ihrem Ehepartner?
2. Pflegen Sie die Beziehung. Zeigen Sie Ihrem Kind, welches ausziehen soll, stets positive Beziehungsgesten. Das gibt den nötigen Rückhalt, den das Kind für das Ausziehen braucht.
3. Bleiben Sie bestimmt. Zeigen Sie klar, dass Ihre Botschaft lautet: „Wir wollen, dass du dann und dann ausziehst“. Bleiben Sie bestimmt, ohne dabei überzureagieren.
4. Bieten Sie Unterstützung an. Ein Auszug ist nicht einfach. Lassen Sie sich aber nicht in sinnlose Diskussionen über das „Wenn“ und „Aber“ eines Auszuges verstricken. Holen Sie sich Unterstützung. Sei es in der Form, dass Ihr Kind in eine Wohngemeinschaft ziehen kann oder dass eine Tante oder ein Onkel darauf achtet, wo das Kind wohnt.
5. Fördern Sie Eigenständigkeit. Beginnen Sie früh, Eigenständigkeit und Verantwortungsbewusstsein Ihres Kindes zu fördern, indem Sie ihm kleine Aufgaben übergeben. Achten Sie aber darauf, dass es dies mit Begeisterung tun kann. Damit fördern Sie Selbstständigkeit.
6. Lassen Sie Ihr Kind gehen. Wenn es wirklich so weit ist und Ihr Kind auszieht, seien Sie nicht überrascht oder hindern Sie es, sondern lassen Sie es gehen.

Der Experte

Dr. Philip Streit ist Psychologe, Psychotherapeut, sowie Lebens- und Sozialberater.
Seit 1994 leitet er das „Institut für Kind, Jugend und Familie“ in Graz, das größte Familientherapiezentrum der Steiermark. Tel.: 0316/77 43 44, Web: www.ikjf.at
Im Jänner 2016 hat er das „M42“, das neue Begegnungs- und Therapiezentrum des Institutes in der Moserhofgasse eröffnet.
Jede Woche beantwortet er in der „WOCHE“ eine Frage aus dem Themenfeld Erziehung und Beziehung.
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