05.05.2016, 08:30 Uhr

Gailtaler Tracht, ein Kind dreier Regionen

Die Gailtaler Tracht spiegelt die Charakteristika der drei Regionen Österreich (Kärnten), Italien und Slowenien wider (Foto: Jost)

Trachten Fischer ist die einzige Manufaktur im Tal, die die Gailtaler Tracht näht.

NÖTSCH. Wohl kaum eine Frauen-Tracht in Kärnten ist so bunt, so originell und so extravagant wie die Gailtaler Tracht. Seit 1855 gibt es in Nötsch das Unternehmen Fischer Tracht & Mode. Die Schneiderei ist die einzige und letzte im Tal, die diese Volkstracht aus dem unteren Gailtal fertigt. Elisabeth Urban ist die Inhaberin. Sie hat von Ernst Fischer im Mai 2010 den Familienbetrieb von ihm übernommen.

Einflüsse dreier Länder
Die Untergailtaler Frauentracht spiegelt die Charakteristika einer Region im Schnittpunkt der drei Länder Österreich, Italien und Slowenien wider. In den einzelnen Stücken der Tracht finden sich jeweils Elemente aus diesen. Das macht sie so außergewöhnlich. Typisch für die Tracht ist der kurze plissierte Rock, die „Ras“. „Das war damals für Trachten nicht üblich“, so Urban. Sie beherrscht als einer der wenigen noch die Kunst des Handplissees. Die geringe Rocklänge soll Kaiserin Maria Theresia zu "unzüchtig" gewesen sein, worauf sie per Gesetz ein neues Maß – die Länge bis unters Knie – anordnete. Mit einem grünen Stoffband hat man die fehlenden Zentimeter „dazugeschummelt.“ So hat der Rocksaum sein unverkennbares grünes Band erhalten.
Ein weiteres charakteristisches Merkmal ist der "große Unterrock" aus Baumwolle. 12 Laufmeter Stoff sind in diesem verarbeitet. In viele kleine Falten gelegt (plissiert) und gestärkt gibt der Unterrock dem schweren plissierten Rock des Leibkittels das Volumen. Noch immer hält sich der Mythos, dass unter der Ras sieben bis 12 Unterröcke getragen werden. „Wie soll man denn so viele anziehen, das ginge ja gar nicht“, schmunzelt Elisabeth.

Prozedur
Die Frauentracht wird als einzige gebunden. Zwischen drei und vier Kilogramm Gewicht bringt die Untergailtaler Volkstracht auf die Waage. Eine halbe bis eine Stunde dauert es, bis "Frau" alle Teile angezogen hat. Eine Woche Vorbereitungszeit muss man einrechnen, bevor man in die Tracht schlüpfen kann. Urban: „Der größte Arbeitsaufwand ist das Stärken der Bluse und des großen Unterrocks.“
Angesichts dieser „Prozedur“ ist es nicht verwunderlich, dass Tracht nicht für den Alltagsgebrauch gedacht ist, sondern nur zu ganz besonderen Festtagen, wie dem Kirchtag, aus dem Schrank geholt wird. In jenen speziellen Momenten aber, stehen die Gailtaler Mädchen und Frauen mit ihrer prächtigen Tracht im Mittelpunkt des Interesses. Und alle Blicke sind auf sie gerichtet.


Zur Sache

Die Gailtaler Tracht wird seit jeher von Generation zu Generation weitervererbt. Die Merkmale der Frauentracht:
•Weit abstehende bunte Röcke, dicke weiße Strümpfe und ein breiter, aufwändig bestickter Gürtel. Sie sind jedoch sehr untypisch für weibliche Trachten.
•Die bunten seidenen Tücher, die die Gailtalerinnen auf dem Kopf tragen, waren wiederum Geschenke von Handelsreisenden aus Italien.
•Der kurze Rock und die vielen Farben mit den bunten Bändern verraten den slawischen Einfluss. Bis vor einigen Jahren wurde sie sogar noch „Slovencla“ genannt.

Die Gailtaler Tracht besteht aus folgenden Elementen:

•Der Leibkittel. Er gliedert sich in den plissierten und gestärkten Rock oder Kittel (ras)
•Die Bluse (vajspat = Weißpfad) mit weitbauschigen Ärmeln und mit V-förmigem Kragen (kreaschl)
•Zwei Schürzen (wurtach = Vortuch). Die untere, kleinere Schürze, ist dunkel und glatt, die größere darüber ist handplissiert
•Der Unterrock (untarfad = Unterpfad) misst 12 Laufmeter im Volant
•Der Anstandsrock (rajuc), ein enger Rock aus weißem Leinen
•Die baumwollene Unterhose mit Gummizug
•Weiße Strümpfe (stumpfe) mit Zipfel-, Streifen- oder Zopfmuster
•Mit Fransen besetzte Seidentücher. Sie werden als Kopf- und Brusttuch (p’z’netl = fazoletto) getragen
•Ein breiter Ledergürtel mit Federkielstickereien (pas)
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