21.04.2016, 15:21 Uhr

"Man schämte sich für die Werktagswelt"

Engelbert Obernosterer beschreibt in "Mythos Lesachtal" unverfälscht das Tal und seine Leute zur damaligen Zeit

"Mythos Lesachtal" ist wohl eines der persönlichsten Werke von Engelbert Obernosterer.

MITSCHIG. Am 23. April ist der Welttag des Buches. Viele Autoren verarbeiten in ihren Werken ihre persönliche „Geschichte“. Der Schriftsteller Engelbert Obernosterer etwa befasst sich in seinem Buch „Mythos Lesachtal – Eine Annäherung“ mit der Realität des Tales und seinem Mythos als dem Denken und Reden darüber. Ausgehend von seiner Kindheit und Jugend im Tal analysiert er die dortigen Verhältnisse.
WOCHE: Wie kam es zu diesem Buch?
ENGELBERT OBERNOSTERER: In Filmen und Bildbänden wurde bisher eine Art Sonntagswelt des Tales gezeigt.Gut gemeint natürlich; man wollte etwas zeigen, worauf man stolz sein konnte.
Für die mühsame, oft schmutzige und brutale Werktagswelt schämte man sich und kehrte sie unter den Teppich.- Ich schäme mich nicht dafür. Ich halte sie für beachtenswert und es ist nur gerecht , sie als das Wesentliche zur Kenntnis zu nehmen.

Sie wollten also im Mythos Lesachtal mit Vorurteilen aufräumen?
Vor allem mit der Oberflächlichkeit der Betrachtung, die meist in schönen Landschaftsbildern, fotogenem Brauchtum und feschen Repräsentanten bestand.
Und von heiler Welt. Unser Nachbar sagte zu den über die schöne Aussicht verzückten Sommergästen meist: Jaja, die Aussicht wär gut, aber die Einsicht!

Im Buch beschäftigen Sie sich ausführlich mit den Bauern von damals und schildern die Veränderung ihrer Grundsituation.
Ja, der Bezugspunkt der Arbeit ist leider ein anderer geworden. Richtete sich das Augenmerk der Bauern vor dem Anschluss Österreichs an die EU auf Boden, Wetter und Natur, so hat der landwirtschaftliche Produktionstechniker - so die neue Bezeichnung - sich nach Formularen und Normen der AMA zu richten. Ob irgendwo Mais wächst hängt seither weniger vom Boden als von Brüssel ab. Das ist das Ende des Bauern im klassischen Sinn.

Wie haben Sie Ihre Kindheit erlebt?
Kinder sind damals daher gepurzelt, wie halt der liebe Gott sie geschickt hat. Viel Zeit, sich mit ihnen zu beschäftigen, blieb neben der Arbeit begreiflicher Weise nicht.
Der Weg zur Schule führte vier Kilometer vom Berg hinab und schien als Heimweg am Nachmittag noch viel länger, weil man ja schon vom Hunger entkräftet war. Nachher hätte man Hausübungen machen sollen, wurde aber bei der Arbeit gebraucht.. Das ging den meisten so. Viele von denen, die heute tüchtige und gescheite Leute sind, waren damals in der Entwicklung etwas hinten, bekamen schlechte Noten und haben seither ihre Vorbehalte gegen Lehrer und Schulen.

Sie schildern die Atmosphäre auf den Bauernhöfen als eher karg.
Es war wohl notwendig, die Arbeit in den Vordergrund zu stellen. Ein Kind
konnte sich aber dadurch Lob und Anerkennung erringen, dass es beizeiten mit anpackte. Musik, Bücher, Spiele waren etwas für den Sonntag, wo man wieder mit den Leuten im Dorf in Kontakt kam und Neuigkeiten erfahren konnte. An Werktagen redete man nur das Notwendigste; die jeweilige Arbeit sagte einem ja, was zu tun war. Über Gefühle zu reden ,überließ man allenfalls den Frauen, über Schmerzen und Müdigkeit zu klagen, galt als wehleidig.

Welche Rolle spielte die Religion?
Sie lieferte mit den zehn Geboten einen Ordnungsraster für das richtige Verhalten und gab Auskunft in Fragen, die über den Horizont des einfachen Menschen hinaus gingen. Besonderes Augenmerk lenkte die Kirche auf die Sexualmoral. Verständlich, schon weil uneheliche Kinder für alle Beteiligten Probleme mit sich brachten. Für Enthaltsamkeit, Fasten, Aufopferung von Leiden wurde reicher Lohn im Himmel in Aussicht gestellt.Wenn diese Auslegung der Heiligen Schrift auch sehr fragwürdig ist, es war immerhin ein klares Bezugssystem und als solches besser als ein ungezügelte Widereinander.

Was waren die Folgen des Buches?
Es gibt einige Leute im Tal und außerhalb davon, die das Tal seither mit anderen Augen sehen. Mich hat das Niederschreiben gezwungen, die wirren Gedanken über
meine Herkunft und Prägung zu ordnen.

Das Interview führte Iris Zirknitzer

Zur Person

Engelbert Obernosterer ist am 28. Dezember 1936 als Sohn eines Bergbauern in St. Lorenzen im Lesachtal geboren. Er lebt in Mitschig.

Obernosterer war Priesterzögling im kirchlich geführten Internatsgymnasium Tanzenberg. Er wechselte dann vor der Matura in ein öffentliches Gymnasium in Klagenfurt und studierte anschließend Germanistik und Geschichte in Wien.
Ab 1965 war er Volks- und Hauptschullehrer, ab 1975 Kunsterzieher in Hermagor.
Seit1975 Buchpublikationen: Prosaskizzen und Kurzgeschichten, zwei Romane, ein Theaterstück.

Mythos Lesachtal ist im Kitab Verlag erschienen, 11 €
Gebundene, reich bebilderte Ausgabe: 110 S., 25 €
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.