14.05.2016, 12:06 Uhr

Leserbrief zum aktueller Pendlerzyklus: Vom zweifelhaften Vergnügen Pendler zu sein

Es hört sich wahrlich nicht schlimm an wenn man von täglich eineinhalb Stunden Anreise zur Arbeit spricht. Noch dazu mit öffentlichen Verkehrsmitteln in welchen man ja die Nachtruhe morgens noch verlängert und sich während der Heimfahrt schon auf die Freizeit vorbereiten kann.
Die Realität sieht da etwas anders aus. Ich bin Pendler seit der 2. Klasse Volksschule. Erst war es „nur“ die morgendliche Fahrt zur Schule. Aber auch die hatte es in sich. Die Bahnstation war etwa 20 Minuten Fußweg vom Ort entfernt und musste bei jedem Wetter, beladen mit Schultasche, bewältigt werden. Abschließend zehn Minuten vom Bahnhof zur Schule. Bei Regenwetter daher bestimmt nass beim Erreichen der Schule. Der Heimweg war in aller Regel zu Fuß zu bewältigen und dauerte etwas länger als die morgendliche Bahnfahrt. Das war der Beginn des Fegefeuers!
Mit 1 ½ Stunden reine Fahrzeit Morgens und Abends endete es vorerst. Damit verbunden sind aber weitere „Verteilzeiten“ welche den tatsächlichen Zeitaufwand weiter anheben und dazu führen dass der Winter um Monate verlängert wird. Für außen stehende ist es oft nicht zu verstehen, dass es sehr belastet wenn man noch in der Dunkelheit zur Arbeit aufbricht und erst wieder in der Dunkelheit nach Hause kommt. Dies unterstützt und begünstigt den Ausbruch einer Winterdepression welche das allgemeine Befinden stark beeinflusst und sich bis in die Partnerschaft auswirkt.
Überaus angenehm ist auch das Gefühl wenn man zum Vorgesetzten zitiert wird weil man bereits zum dritten Mal, in diesem Monat, zu spät zur Arbeit erscheint. Dass man dieses Versäumnis gar nicht imstande ist zu beeinflussen interessiert diesen Menschen nicht und man fährt lieber eine Verbindung früher als ein weiteres Mal in die Verlegenheit zu kommen zurechtgewiesen zu werden. Können sie sich vorstellen am Bahnsteig zu stehen, auf den Zug zu warten, und obwohl die Zeit der Abfahrt längst vorbei ist geschieht nichts. Keine Information, keine Möglichkeit den Ablauf zu beschleunigen und zu wissen der nächste Zug kommt planmäßig erst in einer Stunde.
Aber ich war ja auch nicht alleine betroffen. Meine Gattin musste mich rechtzeitig zum Bahnhof bringen und auch wieder abholen. Unterlassen konnte sie das nur wenn sie tagsüber kein Auto benötigt hätte. Ach was waren das für Zeiten als ich noch zwanzig Minuten ich zu Fuß zur Bahnstation gehen konnte und abends dort auch wieder ankam.
Viele Urlaubstage müssen auch dafür investiert werden um den Arzt des Vertrauens zu konsultieren. Insbesondere stark frequentierte Fachärzte (Zahnarzt in meinem Fall) haben Ordinationszeiten nur tagsüber oft mit Schwerpunk um die Mittagszeit. Dies bedeutet zum einen in der Früh Zeit zu verlieren weil Ordination ab 8:00 Uhr, und diese zu verlassen wenn Züge nur sehr eingeschränkt verkehren sodass man die Firma erst am Nachmittag erreicht. Kennen sie einen Chef oder Dienststellenleiter der dies ohne Murren akzeptiert, ich nicht. Die Alternative ist der Wahllosarzt und zugunsten der Erreichbarkeit und Ordinationszeit auf Vertrauen zu verzichten.
Die Fahrt: Hier kommt man mit den Leidensgenossen unmittelbar in Kontakt. Da gibt es jene die am Morgen Zuhause anscheinend noch nicht einmal die Zähne geputzt oder Socken gewechselt haben da sie ja ohnehin im Zug weiterschlafen oft mit den Beinen am Sitz gegenüber. Oder jene die schon voll gestylt und mit einer erdrückenden Duftmarke versehen in den Waggon einschweben um dann lautstark mit anderen Passagieren redend die Fahrt verbringen. Welche die sich oftmals in bösartigster Weise über ihre Mitmenschen austauschen auch solche bei denen einem schlecht wird wegen der verbalen Ausscheidungen die sie von sich geben. Oder die Trendsetter welche für den gesamten Waggon entscheiden ob das Licht an ist oder nicht. Zum Glück sind jene Zeiten vorbei als sie auch über die Temperatur entschieden haben. Manche kommen voll ausgerüstet mit Ausrüstung zum Schlafen, lesen, Karten- oder Computer-spielen und glauben zusätzlichen Platz beanspruchen zu dürfen. Dann gibt es da noch die Kuscheltiger welche mit einem unbändigen Drang Körperkontakt suchen und sich nicht abweisen lassen.
Das Sitzabstände, sowohl von der Breite wie auch vom Reihenabstand, immer geringer geworden sind sollte inzwischen auch allgemein bekannt sein. Ein Umstand der zur behaglichen Reisegestaltung beiträgt und zwischenmenschlichen Berührungsmangel vorbeugt. Es ist schon ein Erlebnis das eigene Knie zwischen den Beinen der Dame gegenüber zu haben, zu sehen dass diese sich dabei genauso unwohl fühlt wie man selber, aber kein Platz zum Ändern der Situation vorhanden ist. Die Bahn ist naturgemäß nicht interessiert überreichliches Platzangebot zu bieten. Richtig eng wird es aber erst dann, wenn ein Zug ausfällt und die Passagiere in einem anderen zusteigen müssen.
Durch die gemeinsam ertragenen Qualen entstehen aber auch Freundschaften und Interessensgemeinschaften um die Tortur erträglicher zu gestalten. Leidensgenossen die schon früher zusteigen halten für später kommende Plätze frei, man gibt Informationen über eine Verbesserung der Lage weiter. Beispielsweise telefonische Benachrichtigung über ausgefallene Züge oder Schienenersatzverkehr und Fahrgemeinschaften zur rascheren Ankunft bei der Familie. Manchmal sogar mit dem Ergebnis gemeinsam verbrachter Freizeit.
Stichwort Schienenersatzverkehr. Bei dieser Art der Beförderung werden Busfahrer zu Piloten von Boliden die möglichst Zeitnah am Fahrplan den Bus zur weiterführenden Bahnstation bringen. In Zeiten von Navigationsgeräten auf jedem Handy ist es ein leichtes die gefahrene Geschwindigkeit zu beobachten. Dabei kann einem als Familienvater das Grauen aufsteigen, wenn man daran denkt dass es auch im Heimatort derart zugehen kann. Es erscheint das es sich bei der Geschwindigkeitsbeschränkung im Ortsgebiet lediglich um eine Empfehlung handelt und den betrieblichen Bedürfnissen der Bahn unterzuordnen ist.
Aber weiter auf der Reise zum Arbeitsplatz. Umsteigen ist ein weiterer Stolperstein am Weg, es ist unglaublich welche Positionskämpfe aus dem Bedürfnis nach rechtzeitigem erreichen des Arbeitsplatzes entstehen. Zugtüren und Rolltreppen sind Kampfstätten, jeder versucht möglichst viele Positionen weiter nach vor zu gelangen. Wer die bessere Ellenbogentechnik besitzt und weniger Skrupel hat Mitreisende zu verdrängen gewinnt, wenn auch nur einen weiteren Tag pünktlich zu sein. Keinesfalls möchte ich jemals ein Kreislaufproblem während der Stoßzeit im Bereich der U-Bahn erleben der vielleicht auch nur Hinfallen und sich verletzen. In solchen Fällen kocht die Volkseele bei den Passagieren. Schon wieder ein Besoffener, der hält alle auf und niemand verschwendet auch nur einen Gedanken daran dass der Betroffene möglicherweise ein Gesundheitsproblem haben könnte. Nur ein Störfaktor, ich schäme mich Teil davon gewesen zu sein. Es ist erschreckend wozu man in der Masse als Einzelner fähig ist. Wer oder was macht uns dazu?
Warum können unsere Mitmenschen nicht ein bisschen Abstand halten und etwas auf die Intimzone der Mitreisenden achten. Beim Transport in der U-Bahn wird strikte darauf geachtet, dass Niemand einer zusätzlichen Beschleunigung wegen übergroßen Platzangebot ausgesetzt wird um die Verletzungsgefahr zu minimieren. Dazu wird beim Einsteigen oft noch im letzten Augenblick mit einem beherzten Schritt und auseichend Schwung dafür gesorgt, dass ein Umfallen während der Fahrt kaum möglich erscheint. Es ist mir unverständlich wie man derart Rücksichtslos und Rüpelhaft in der Gemeinschaft auftreten kann. Leider wird dieses Verhalten von den Verkehrsbetrieben auch noch unterstützt, diese nehmen Ihre Mitarbeiter, welche die Züge und Bahnsteige kontrollieren während der Stoßzeiten aus der Pflicht, sodass lediglich einige Kameras für die Ahndung der gröbsten Verstöße zur Verfügung stehen.
Abhängig vom Einkommen und der zu bewältigenden Fahrtstrecke kann auch der finanzielle Aufwand durchaus zehn Prozent des Einkommens betragen und somit auch wirtschaftlich eine zu berücksichtigende Größe darstellen. Wobei hier nur die direkten Kosten berücksichtigt sind und ein eventueller Bedarf eines zweiten Wagens unberücksichtigt bleibt.
Es nicht nur Ungemach welche durch das Pendeln zu erdulden ist, es sind Belastungen in allen Bereichen die dann auch noch Zuhause und auf das gesamte Umfeld nachwirken. Stress wird verstärkt oder überhaupt erst aufgebaut und das Verhalten im Zusammentreffen mit anderen Menschen (negativ) bestimmend beeinflusst. Um das Pendeln erträglicher zu gestalten war ich die letzten Jahre oft dreizehn Stunden des Tages unterwegs, um jene Tageszeiten zu nutzen an welchen der Personenverkehr weniger stark ist. Dies ist aber nur in Grenzen möglich und führt überdies zu anderen Problemen. Wenn jemand denkt den vorgenannten Schwierigkeiten durch die Verwendung des eigenen Autos zu umgehen, setzt auf das falsche Pferd. Abhängig von der Länge des Anfahrtsweges entstehen eine Menge laufender Kosten und Zeiten in denen die volle Konzentration zum Lenken des Fahrzeuges erforderlich ist. Um die Kosten zu minimieren greifen manche auf die Bildung von Fahrgemeinschaften zurück. Womit sich der Kreis dann wieder schließt.

Ing. Christian Wallig
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