08.04.2016, 20:07 Uhr

Lev Detela: "Flüchtlinge sind nicht unsere Feinde"

"Mit Zäunen kann man wirklich gar nichts Vernünftiges erreichen." Schriftsteller, Lyriker und Übersetzer Lev Detela
Wien: Wien | "Mit Zäunen kann man wirklich gar nichts Vernünftiges erreichen", findet Schriftsteller, Lyriker und Übersetzer Lev Detela gegenüber pressetext klare Worte für die derzeitige Flüchtlingsproblematik. "Natürlich kann man nicht Millionen von Flüchtlingen ohne weiteres integrieren. Aber den Verfolgten, die dem Tod ausgewichen sind, sind wir verpflichtet zu helfen und Schutz zu bieten."

Eigene Fluchterfahrungen

Der gebürtige Slowene Detela hat am eigenen Leib erfahren, was es heißt, zu flüchten - und wird bei den Europäischen Toleranzgespräche in Fresach http://fresach.org in einer Gesprächsrunde über Migration und Integration diskutieren. Seine Entscheidung, das damalige kommunistische Jugoslawien zu verlassen, fällte er unter anderem aufgrund der Krise an der Universität in Ljubljana, im Zuge derer "unorthodoxe Professoren und Assistenten 1959 mit Schikanen und Repressalien aus den Instituten und Lehrämtern entfernt wurden".

"Natürlich war die erste Zeit in Österreich schwer, vor allem auch im Flüchtlingslager Traiskirchen, wo ich einige Zeit lebte. Es war eine gewaltige existentielle Veränderung", berichtet Detela. Aber er trat der neuen Kultur offen entgegen: "Weil ich versucht habe, tolerant gegenüber den anderen zu sein, wurde ich, mit wenigen Ausnahmen, tolerant behandelt, wobei mir auch die relativ gute Beherrschung der deutschen Sprache von Nutzen war."

Die Entwicklungen in seinem Herkunftsland hat Detela genau verfolgt: "In meinen damaligen deutschsprachigen Artikeln habe ich in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften die nationalistischen und separatistischen, gegen andere südslawische Völker und Kulturen ausgerichteten Tendenzen in Jugoslawien angeprangert und über Repressionen der Behörden, durch die friedliche Lösungen der Probleme verhindert wurden, berichtet." Da er als Dissident galt, wurden seine Werke bis 1990 in Slowenien verboten.

"Wir müssen helfen"

Detela, der 1991 während des kurzen Krieges für die slowenische Unabhängigkeit zufällig in Maribor das Kriegsgeschehen miterlebte, kann sich sehr gut in die Situation der in Europa eintreffenden Flüchtlinge einfühlen: "Ihre Flucht ist Ausdruck der Verzweiflung wegen der Unbarmherzigkeit der Mitmenschen, wegen der Grausamkeit des Krieges. Wir müssen helfen."

"Das gilt für uns alle in der Europäischen Union, nicht nur für einige 'wohlwollende' Staaten. Wichtig wäre es, den klaren Blick zu behalten, frei von diffusen Ängsten, die sich leider in vielen Köpfen eingenistet haben. Die Flüchtlinge sind nicht unsere Feinde, sondern können uns sogar helfen, eine demokratische friedliche Weltkultur aufzubauen", ist sich Detela sicher.

Zweisprachigkeit als Bereicherung

Detela, der auf Slowenisch und Deutsch schreibt und übersetzt, ist Mitglied des Österreichischen P.E.N.-Clubs http://penclub.at und Mitbegründer der Zeitschrift für internationale Literatur LOG in Wien. "Heute ist die literarische Zweisprachigkeit, bedingt auch durch die Werke vieler Autoren auf der Flucht oder im Exil, keine Seltenheit mehr. Wir gewinnen, indem wir gleichzeitig verlieren", meint Detela. Für ihn stellt die literarische Hinwendung zum neuen Sprach- und Kulturraum auch eine Bereicherung für die neue Heimat dar.

Aussender: pressetext.redaktion
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Heinrich Moser aus Ottakring | 08.04.2016 | 20:19   Melden
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Heidemarie Rottermanner aus Scheibbs | 08.04.2016 | 20:53   Melden
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Heinrich Moser aus Ottakring | 08.04.2016 | 21:11   Melden
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Alois Knopper aus Klagenfurt | 08.04.2016 | 21:16   Melden
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Hans Baier aus Graz-Umgebung | 08.04.2016 | 21:35   Melden
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Heidemarie Rottermanner aus Scheibbs | 09.04.2016 | 08:20   Melden
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Gerhard Singer aus Ottakring | 09.04.2016 | 15:50   Melden
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Gerhard Singer aus Ottakring | 09.04.2016 | 17:01   Melden
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Harald Schober aus Weiz | 09.04.2016 | 19:10   Melden
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Gerhard Singer aus Ottakring | 13.04.2016 | 21:58   Melden
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Alois Knopper aus Klagenfurt | 14.04.2016 | 08:01   Melden
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