21.03.2016, 15:28 Uhr

Angst essen Seele auf

Sie nehmen sich kein Blatt vor den Mund: die Menschen in „Funnyhills“. Zu sehen derzeit im Freien Theater Innsbruck. (Foto: Daniel Jarosch)
Innsbruck: Treibhaus |

Gleich zwei freie Theaterproduktionen widmen sich dem wohl brennendsten Problem dieser Tage.

Sowohl das Staatstheater als auch Theater Melone bringen derzeit etwas auf die Bühne, das uns ebenso erschüttert wie ratlos zurücklässt. „Fear“ hat Falk Richter sein im Oktober letzten Jahres für die Schaubühne geschriebenes und von ihm selbst inszeniertes Theaterstück genannt, das sogleich Pegida und AfD auf den Plan rief, die schließlich sogar einen Zusammenhang zu zwei Autobrandanschlägen auf deren führende Aktivistinnen herstellen wollten. Frank Röder hat „Fear“ nun mit der Staatstheater-Crew rund um Ute Heidorn, Carmen Gratl und Esther Frommann (Bühne und Kostüme) gewissermaßen für Innsbruck und „Österland“ adaptiert, sich hierfür noch Johannes Gabl als dritten Mann im Glitzeranzug und mit angsteinflößenden Tier- und Zombiemasken dazu geholt, ebenso wie Siggi und Juliana Haider, die schon im letzten Grünmandl-Stück der Truppe brillierten. Und Angst könnte einen da tatsächlich befallen: denn die Ängste, die Richter in seinem beißenden Kaskadentext über die ignorant-egomanen Scheinguten, die dumpf vor sich hinvegetierenden Wohlstandsverlierer und die dreist-manipulativen Rechtspopulisten und Aufhetzer selbstredend sprachlich virtuos abhandelt, erscheinen einem mehr und mehr als willkommener Vorwand, einfach nur jeglichen Anflug an Bösartigkeit und himmelschreiender Dummheit hemmungslos und ungefiltert auszuleben.

Josef Maria Krasanovsky und Theater Melone-Chef Florian Hackspiel haben sich für eine ähnlich gelagerte Bestandsaufnahme indessen an jenen Ort an der Balkanrouten-Grenze begeben, der in ihrem Stück nun „Funnyhills“ heißt. Und auch hier macht es einen nicht wenig betroffen, wenn der Autor in einer Art Prolog mitteilt, dass ihm „diese Menschen mit all ihrer unendlichen Wut, die sie in sich tragen und trotz ihrer abenteuerlichen Ansichten, nah gegangen sind.“ Das habe ihn verwirrt, fügt er hinzu, was man verstehen kann. Aber andererseits wächst in dieser ungefilterten Wut, die nun – wie Theater Melone selbst schreibt - durch eine poetische Textmaschine geschickt wurde (wobei mich auch hier das Wort Maschine zutiefst beunruhigt), etwas heran, von dem die alten Antifaschisten, welche die Nazizeit noch selbst erlebt haben, immer sagten: Wehret den Anfängen. Und man kommt nicht umhin, auch den Kritikern von Falk Richters Uraufführung beizustimmen: Letztlich zeigt sich in diesen Produktionen zwar der emphatische Wille, etwas zu tun, aber es manifestiert sich darin auch unser aller Hilflosigkeit. Denn wir, die wir sowohl in „Fears“ im Treibhaus wie in „Funnyhills“ im Freien Theater sitzen, wir sind irgendwie die falsche Zielgruppe. Wir wissen ja um die Gefährlichkeit der aktuellen Lage, wir wissen um die fatalen Mechanismen der Opfer-Täter-Umkehr, wissen, wohin das führen kann. Aber wie dem wirklich beikommen? Diese Fragen bleiben uns beide Stücke schuldig, selbst wenn sie beide hochambitioniert umgesetzt wurden. Und allein deshalb sollte man sie sich natürlich ansehen.
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