22.06.2016, 11:42 Uhr

Irrlichternde Suchbilder

Eine dichte Collage über das Lebensborn-Projekt: Madeleine Weilers Stück „Brunnenlichter“ in der Talstation der ehemaligen Hungerburgbahn. (Foto: Schauspiel Innsbruck/Meyer)

Das Dramatikerfestival zeigt ein bewegendes Dokustück über die Lebensborn-Kinder.
Von Christine Frei

SAGGEN. Die junge Telfer Schauspielerin und Autorin Madeleine Weiler hat keine Scheu vor schwierigen, aufwühlenden Themen, und sie hat – wie es scheint – ein besonderes Interesse an den fatalen Hinterlassenschaften der Nazizeit, die nach wie vor ihre zerstörerischen Spuren durch die Biographien von einzelnen Betroffenen wie von ganzen Familien ziehen. In dem Biografie- und Dokustück „Brunnenlichter“, das vergangene Woche in der Talstation der ehemaligen Hungerburgbahn im Rahmen des Dramatikerfestivals und in Mona Kraushaars ebenso dezidierter wie feinsinniger Regie seine Uraufführung erlebte, widmet sie sich nun dem sogenannten Lebensborn-Projekt, das Heinrich Himmler 1935 begründete. Jener Himmler, der auch federführend die Massenvernichtung der europäischen Juden, Sinti und Roma betrieb. Mit dem Lebensborn-Projekt wollte er quasi den Fortbestand der arischen Rasse sicherstellen. Hierfür wurden spezielle, von der Außenwelt abgeschottete Lebensborn-Heime eingerichtet, in denen Frauen, die sich für dieses arische Fortpflanzungsprojekt bewarben, sowohl während ihrer Schwangerschaft leben als dann auch ihre Kinder anonym zur Welt bringen konnten. Der Schauspieler Heinz Fitz, lange Jahre Mitglied im Ensemble des Tiroler Landestheaters, ist ein solches Lebensborn-Kind. Er steht nun sowohl als Impulsgeber wie Betroffener auf dieser kahlen Bühne, in der Mona Kraushaar einzig über drei Schaukeln und eine große Wippe, einen abgestellten Koffer und einen Stuhl für Heinz Fitz das ganze Drama einer derartigen Herkunft andeutet. Den neun Schauspielschüler/innen von schauspiel.innsbruck, die wechselnd Lebensborn-Väter und -Mütter, Nazis wie Lebensborn-Kinder darstellen, hat sie jeweils einen Luftballon ans Handgelenk gebunden. Das Stück selbst präsentiert sich als dichte und zutiefst aufwühlende Collage aus irrlichternden Suchbildern. Hinausgebrüllte Naziparolen und dumpfe Gewaltausbrüche wechseln mit den melancholisch-eindringlichen Erzählungen der Betroffenen. Regelrecht durch Mark und Bein geht einem dabei das Gewimmer der Lebensborn-Heimkinder. Und bei Moonlight, jenem Lied, das Heinz Fitz so gern singt, überkommt einen tiefe Traurigkeit. Denn Kraushaar hat die Edelschnulze geradezu radikal auf ihre Wahrhaftigkeit hin dekonstruiert. Noch zu sehen am 16./17./18. Juni 2016 um 20.00 Uhr.
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