12.06.2016, 09:33 Uhr

Und am Ende wird von uns nichts übrig bleiben

Albert Mair 1921-2016 Fotonachweis: Hypo Tirol Bank Archivfoto
Innsbruck: Hypo Bank Tirol |

Sagen wir. Es war an einem schönen Sonnentag. Ein guter Freund, man kann auch sagen, ein Bruder im Geiste und ich sind gewandert. Ziel war der Friedhof. Das Grab von Georg Trakl.

Ebendort. Friedhöfe haben etwas Beruhigendes. Man ist dem Tod und dem Leben so nahe. Und unser Dasein auf dem Planeten erdet sich an diesen Plätzen zu einer schlichten Zeile, einem Datum, einer Berufsbezeichnung oder Buchstaben der Liebe. Die Größe von Kreuz oder der Bombast der Aufbauten, Kunsthandwerk, Steinmonumente können nicht darüber hinwegtäuschen. "Was ist eine Kunsttänzerin?" fragt mein Begleiter. Wir müssen lachen. Wo hat sie getanzt? In einem Theater. Im Varieté´? Kunst? Erotik? Welche Lebensgeschichten stecken hinter den Grabsteinen? Wer denkt heute noch an die Kunsttänzerin, die 1952 ging. Am Ende bleibt nichts übrig ausser Erinnerungen, Gedanken, Bilder an die Menschen die hier liegen. Ganz egal was, wie und wie wichtig der Mensch zu seiner Zeit gewesen ist - also war. Und mit jedem Jahreslauf werden die Erinnerungen weniger und verblassen. Friedhof. Vergessen. Es ist ein besonderer Ort. Still. Von unendlicher Ruhe. Friedlich. Aber auch fröhlich. Endgültig. Belanglos - ob man glaubt oder nicht. Wir sind vergänglich. Wir müssen beide lachen, bei dem Gedanken uns dann auch endgültig niederlassen zu dürfen. Manche Gräber sind gepflegt. Andere in die Jahre gekommen. Verwildert. Vergessen. Die Sonne ist kraftvoll. .... grosser Gedankensprung ins Heute - vor einigen Tagen ist jemand von uns gegangen. Ich war diesem Menschen persönlich verbunden. Und das Herz - die unmißverständlich naiv-ehrliche Feder der Seele hat ein paar sehr persönliche Zeilen niedergeschrieben. Es war wie ein Zwang. Auch nachdem ich bis heute - Samstag 11.6. keinen Nachruf irgendwo und irgendwie gelesen hatte. (Zur Korrektur: Heute stand darüber etwas in der TT - Danke!)

Albert Mair 1921 – 2016

„Für mich ist immer der Mensch
im Mittelpunkt gestanden!“


Ein paar persönliche Gedanken

Ein besonderer Mensch ist nicht mehr. Mein erster Vorstandsvorsitzender. Als ich Hofrat Dr. Albert Mair kennenlernen durfte, war die Welt noch eine andere. Eduard Wallnöfer war damals Landeshauptmann. Handy und Internet noch Utopie. Man hatte noch mehr Achtung vor dem Alter und den Leistungen der Menschen, weil man auch die Zeit nach den Weltkriegen noch anders einteilte und bewertete. Tirol war im Aufwind. Tourismus mit Rückenwind. Und die Landes-Hypothekenanstalt (man beachte das Anstalt!) eine bodenständig-biedere, aber sichere Bank. 1980. Ich habe das Bild noch vor mir. In den Lift eingestiegen. Und mir gegenüber steht ein - sogar mir mit meinen 1,73 größenmäßig klar unterlegener Mann mit Hut, seine Augen von der Hutkrempe verdeckt. Seine Blickrichtung nach unten. Richtung Liftboden. Ich einmal. „Guten Morgen Herr Direktor!“  Keine Reaktion. Zweimal. Jugendliche Verzweiflung. - ? - Es dürfte mir nicht gelungen sein. Tage später mussten wir alle im damaligen Kassensaal antreten und Hofrat Albert Mair hat in einer brennenden Rede erklärt, dass er ordentlich zu grüßen sei. Ich habe mich einerseits betroffen gefühlt, andererseits war ich mir keiner Schuld bewusst.

Das nächste Mal habe ich eine Vorladung in das Vorstandssekretariat bekommen. Damals noch etwas ganz Besonderes und mit der heutigen Zeit nicht vergleichbar. Entweder man hatte etwas „angestellt“, oder … Über das oder bin ich mir heute 34 Jahre später noch nicht im klaren. Dazu muss man wissen, dass in dieser Zeit einige Osttiroler - nach der Ausbildung in Innsbruck - wieder zurück nach Lienz abgewandert waren. Nachdem die Hypo Tirol damals keine Niederlassung in Lienz hatte, zu anderen Bankhäusern in Osttirol. Ich war kaum im Vorstandszimmer, da hatte Albert Mair mir schon die Worte entgegen fliegen lassen: „Wenn Du auch noch zurück nach Lienz gehst, stelle ich keinen Osttiroler mehr ein. Dass das klar ist.!“ Ich glaube meine Replik war ein offener Mund und die Zusicherung „Ich bleibe in Innsbruck!“.

Im Zuge unserer 100 Jahr Feier haben wir die erste und bislang einzige Publikation der Hypo Tirol Bank zusammengetragen. Dabei war auch ein Interview mit Albert Mair geplant. Und ist  letztlich auch passiert. Sehr persönlich und direkt. Überschrift des Artikels war damals. „Banker mit Herz“ - Für Bank und Land. Hofrat Albert Mair und sein inniges Verhältnis zur Hypo Tirol Bank, die er über 17 Jahre geprägt hat. Aussagen wie, „ich wollte eigentlich nie Direktor der Hypo Bank werden. Landeshauptmann Wallnöfer kam zu mir, - Mein Lieber, da musst du dich jetzt bewerben, das ist ganz wichtig. Denn die Hypo ist das größte Institut im Land, gehört uns und ohne Geld kann man nicht regieren. Ich wurde unter ca. 20 Bewerbern an die erste Stelle gereiht - ohne jedes Zutun des Landeshauptmannes. Oder auf die Frage - welches Resümee ziehen Sie über Ihre lange Zeit in der Hypo Bank? „Wenn ich so zurückschaue auf die letzten fünf Jahre darf ich sagen, wir haben damals die Bank mit Sparsamkeit und Bescheidenheit geführt. Die Kundschaft hat das honoriert. Und persönlich - ich habe immer versucht ein Mensch zu sein. Es gab eine starke Identifikation mit dem Unternehmen auch bei den MitarbeiterInnen - aber natürlich am meisten bei mir. Die Hypo Bank war mein Lebensinhalt.“ 

Noch dazu gefragt. Was war Ihr schönster Moment als Hypo Direktor? „Mein schönster Moment war sicher, als ich nach zwei Jahren bei der Bilanzerstellung feststellen konnte, dass ich für die Bank geeignet bin, Gutes zu leisten. Und vielleicht abschließend. Ich hätte mir gewünscht, dass meine Eltern das noch erlebt hätten - ich als Chef dieser für sie bedrohlichen Institution. Ich habe begriffen, was man mit einer Menge Geld auch an Gutem tun kann!“

Nach seiner Amtsübergabe an Wendelin Weingartner haben wir uns nicht aus den Augen verloren. Hatten immer wieder Kontakt. Albert Mair hat sich mit mir unterhalten. Er kannte meine Lebensgeschichte und meinen Ursprung, wusste wo ich hergekommen war. „Wenn Sie etwas brauchen, lassen Sie mich´s wissen“ hat er zu mir gesagt. Die regen Augen signalisierten immer Interesse am Gegenüber. Wir sind über all die Jahre beim distanzierten und doch freundschaftlichem „Sie“ geblieben. Er: „Du Waltl“ Ich: „Sie Herr Hofrat!“ -  Ich habe ihm geschrieben. Er mir. Hat mir sogar zweimal Geld geschickt, für ein Flascherl Wein, mich gelobt, mir gedankt, für all das was ich im Rahmen meiner Tätigkeiten tun durfte und getan habe. Aus der Distanz und der Ferne habe ich sein Leben in immer größeren Abständen weiter verfolgt. Ich weiß, er hatte das meinige solange es eben ging, auch im Blick. Erst vor kurzem einen Bericht eines ihm nahestehenden Menschen erhalten. Ein letztes Mal habe ich Albert Mair vor einigen Jahren im „Müller-Markt“ getroffen. Leicht verwirrt. Aber die Lebenslust war in den Augen noch zu sehen. Erst nach der zweiten Ansprache war es mir möglich ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Als er mich erkannt und zugeordnet hatte, konnten wir uns unterhalten. Das Leben ist grausam und gleichzeitig barmherzig. Das ist mir damals durch den Kopf gegangen.

Ehrlich und demütig danke ich Albert Mair für seine Großherzigkeit, seine Direktheit, seine Menschlichkeit und seine Nähe über einen Zeitraum der nach heutigen Maßstäben gar nicht mehr messbar erscheint. Für seine Leistungen für und in der Landesbank. Für mich, der dort seit 1980 arbeiten darf. Ich habe viele Bilder und Geschichten im Kopf. Einen Menschen mit einer - für manche oberflächlich betrachtet - harten Schale nach außen getragen-  aber einem weichen Kern. Tränen eingeschlossen. Für mich ein Mensch aus einer vergangenen Zeit und uns „Hypoianer“ prägenden Epoche. Ganz besondere zwischenmenschliche Nuancen in einer heute so nicht mehr erlebbaren Ausprägung und Werteskala wurden und werden sichtbar. Vieles davon versteht man erst, wenn man selber älter wird oder geworden ist. Danke lieber Albert Mair. Möge Dir der Lohn, der Dir zusteht, zuteil werden. In einer ewigen Welt. Oder sonst-wo. In meinem Herzen und in meinen Gedanken hast Du (Übermütig: Jetzt trau´ich mich das „Du“ zu schreiben) einen besonderen Platz.
Hypoherzlichen Dank. 

PS oder REAKTIONEN: Mein Begleiter hat mir, nachdem er das alles gelesen hat, geschrieben. Deshalb habe ich mich entschlossen, den Text so zu veröffentlichen.

"Lieber Herbert
ich habe mit grosser Freude Deinen Text über unseren Spaziergang gelesen und wünsche diesem Text Verbreitung.
Ich habe auch Deinen übermütigen Nachruf gelesen, den ich ganz wunderbar finde, ehrlich,schlicht, respektvoll.
Ich habe Herrn Mair nicht gekannt, aber nach Deinem Text hätte ich ihn gern gekannt.
Früher war wirklich alles besser in der Hypo, da sind die Toten den Lebenden weit voraus."

PPS: Ein zweiter, dem ich es ebenfalls zum Lesen übermittelt hat, hat mir dann geschrieben:
Lieber Herbert! Mich freut es, dass du so große Wertschätzung für einen auch für mich beeindruckenden Menschen zeigst. Willst du deinen Nachruf nicht veröffentlichen? Wenn du es nicht vorhast, werde ich es noch machen; Albert hätte es verdient!
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.