12.04.2016, 10:00 Uhr

Eine ernüchternde Gesellschaftsbilanz: Die Kammerspiele zeigen Philipp Löhles verstörendes Zeitstück „Wir sind keine Barbaren!“

Zeigen so manche Barbarenseite: Fabian Schiffkorn als Mario, Benjamin Schardt als Paul, Lisa Hörtnagl als Linda, Janine Wegener als Glaubenssatzverkünderin, Marion Fuhs als Barbara respektive Anna. (Foto: TLT)

Von Christine Frei

Das Ausrufezeichen im Stücktitel würden sie natürlich alle vier unterschreiben, die Figuren in Philipp Löhles bereits 2014 uraufgeführtem Stück, in dem tatsächlich alle Argumentationsstränge, die einem in der aktuellen Flüchtlingskrise von rechts, links, oben und unten tagein, tagaus um die Ohren fliegen, bereits zur Gänze hineingepackt sind. Man könnte dies nun leicht für hellsichtig halten, aber wahrscheinlich war einfach alles schon ganz manifest da. Und das lässt einen am Ende tatsächlich reichlich betroffen nach Hause gehen. So schlimm ist es also um uns bestellt. Bei entsprechend ungünstigem Setting mutieren also politisch zuvor nicht weiter auffällige Mittelstandsmenschen binnen weniger Minuten zu Faschisten und fallen über andere her, die sich erdreisten, die vermeintliche Wahrheit in Frage zu stellen. Denn natürlich kann nur der aufgenommene Flüchtling, noch dazu ein Schwarzer, Barbara mit ihrem ungeliebten Geburtstagsgeschenk, einem Ulta-HD-TV-Gerät, erschlagen haben. Dass die beiden zumindest akustisch angedeutet eine Affäre miteinander hatten, würde zwar auch den verklemmten Ehemann zu einem Tatverdächtigen machen (der hätte ja ein Motiv), aber das zu sehen, würde Mut voraussetzen, wie schon Schiller in seinem „Brief über die ästhetische Erziehung des Menschen“ treffend analysierte. Und der fehlt uns ja bekanntlich über alle Maßen.

Allerdings sind die zwei Paare in Löhles Stück, die einen zunächst an Yasmina Rezas großartige Komödien erinnern, etwas sehr stereotyp angelegt. Und sie reden, wie Regisseur Stefan Maurer im Interview mit Dramaturg Axel Gade richtig beschreibt, auch reichlich dummes Zeug, selbst wenn sie das stets wunderbar zu begründen verstehen. Die Wir-Glaubenssätze, die uns Janine Wegener im schwarzen Businessanzug mit weißer Bluse und Kleopatrafrisur zwischen den einzelnen Szenen mit süffisant-strengem Ausdruck quasi als Überbau serviert, verweisen einen zudem geradewegs an den Eingang der Hölle. Da gibt es wenig Grund mehr zu hoffen.

Der furiose Applaus am Ende hatte daher fast schon etwas Verstörendes. Aber er galt natürlich primär den Akteur/innen auf und hinter der Bühne. Denn Marion Fuhs und Fabian Schiffkorn überzeugen als spießiges Bobopärchen ebenso wie Lisa Hörtnagl als überdrehte Fitnesstrainerin und Benjamin Schardt als deren gutmütiger Couch Potatoe-Partner. Beeindruckend auch Luis Graningers hyperpuristische Bühne, die eigentlich nur aus einer verschiebbaren Trennwand zwischen den zwei Wohnungen besteht.
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