27.06.2016, 15:51 Uhr

Vom verlorenen Mutterglück

Brigitte Jaufenthaler, Klaus Windisch und Ronja Forcher als Anna und Kaspar Suitner mit der Gretl Foto: Heidi Holleis
Ein Juwel des Tiroler Mundart-Theaters wird derzeit in der Haller Burg Hasegg gezeigt:

Karl Schönherrs Drama „Frau Suitner“ wurde 1917 uraufgeführt und ist heute noch aktuell: Es handelt von einem Ehepaar, das sein Glück auf später verschiebt und im Ende keinen neuen Anfang sieht. Das edle Drama unter der Regie von Elmar Drexel feierte am Samstag, 25. Juni Premiere und ist bis 9. Juli 2016 zu sehen.

Anna und Kaspar Suitner (Brigitte Jaufenthaler und Klaus Windisch) haben es zu wirtschaftlichem Wohlstand gebracht: „Endlich schuldenfrei, iatz haben wir´s derraffelt“, posaunt Kaspar Suitner und seine Frau lächelt über den Ladentisch. Die erste Szene erzählt von den harten Jahren voller Arbeit im Laden und am Obstanger und von den vielen Entbehrungen, die nun endlich vorbei sind. Doch es breiten sich Leere und eine bohrende Frage im Ehepaar aus: Haben wir nicht das Wichtigste im Leben versäumt? Jedes Kind das in ihren Laden kommt, erinnert die beiden an das nicht vorhandene Familienleben. Die „Allegorie“ erscheint der Anna Suitner als innere Stimme, die an ihr nagt. Wut, Zorn, Ohnmacht zwischen den Ehepartnern, doch es fallen nie klärende Worte. Wie mit der Kinderlosigkeit umgehen? Frau Suitner fasst einen Entschluss und holt sich die junge Gretl (Ronja Forcher) ins Haus: „Du bisch aber a g´sunds Madl, grad a so dampfen tuasch vor lauter gsund“… Sie soll ihrem jüngeren Mann eine gute Frau werden und ihm Kinder schenken. Doch ist die Gretl zugleich auch junge Rivalin, die der „gstandenen“ Frau in den Wechseljahren jegliche Selbstliebe unmöglich macht. Anna Suitner macht sich auf zu ihrem letzten Gang und wird auf „da Sandbank g´funden.“ Dabei wäre es ihr doch so gut gegangen, flüstern die Dorfbewohner - „koa Kinderplog!“

Das Stück unter der Regie von Elmar Drexel ist voll tiefer Tragik, die teilweise Federico Garcia Lorca entlehnt ist. In „Yerma“ wird die kinderlose Frau als „unnütz wie eine Handvoll Dornenzweige“ beschrieben. Die harte, spanische Archaik fließt in den von Drexel adaptierten Zitaten, als auch in Marco Birkners Musik ein. Der Gitarrist begleitet das menschliche Drama auf der Bühne mit bewusst gesetzten, feinfühligen Rhythmen.

Brigitte Jaufenthaler verleiht der „Suitnerin“ feminine Würde und spielt die wild entschlossene sowie todunglückliche Frau mit resoluter Grazie. Klaus Windisch gibt den unbeholfenen, aber liebenswürdigen Kaspar voller Inbrunst. Ein Unwissender, der seine Frau nicht aufhalten kann und von seiner eigenen Sexualität übermannt wird. Die Dialoge der beiden Eheleute sind ganz großes Theater - erhebende, harmonische, betroffen machende Momente, aus denen nur eine Sehnsucht spricht: „Fritzl“ (Maikel Mair) als das Kind, das begleitet von der „Allegorie“ (Christine Mair) jegliches Wünschen als vertane Chance, als verleugnetes, inneres Kind entlarvt.

Der Theaterabend hält aber auch komische, selbstironische Momente bereit: Zum Beispiel wenn die verschrobene „Zipfl-Moidl“ - erfrischend gespielt von Gertraud Lener - bei der Krämerin lauter graue Haare entdeckt, nur bei sich nicht. Oder als die junge Gretel - charmant gespielt von der jugendlich-leichtfüßigen Ronja Forcher - den Spitzbuben im Kaspar entdeckt, dem das Grimassenschneiden sichtlich zu erfreuen scheint. Es treten auch Laiendarsteller des „Haller Theaterhaufens“ auf, die als Dorfbewohner, Bötin, Fuhrknecht oder Gemeindevorstand das erdige Mundart-Stück enorm bereichern.

Das großformatige Bühnenbild gestaltete die Künstlerin Heidi Holleis. Es zeigt ein geätztes Foto eines Schaukelpferdes aus dem Tiroler Volkskunstmuseum, das bedrohlich über die Schauspieler thront. Die Ladentheke ist ein Recycling-Objekt, das später auch zum Bett mutiert und immer wiederkehrende Probleme symbolisiert, die nie offen angesprochen und dadurch unüberwindbar werden. Die Künstlerin zeichnet gemeinsam mit der Schauspielerin Brigitte Jaufenthaler auch für Requisiten und Kostüme verantwortlich. „Frau Suitner“ wird im Original als „schwarz gekleidete, alte Frau“ dargestellt, in Hall erscheint sie im raffinierten, roten Seidencrepe. Eine erotische „Suitnerin“, die sich ihrer reifen Sexualität bewusst ist, diese aber nicht ausleben kann.
Regisseur Elmar Drexel gelang mit dem Schönherr-Stück „Frau Suitner“ eine packende, zeitgenössische Form von Volkstheater, ohne zu verfälschen oder zu verklären. Das Publikum bedankte sich mit lang anhaltendem Applaus und Bravo-Rufen!

Aufgrund der schlechten Wetterprognosen fand die Premiere im Salzlager statt. Das ehemalige „Augenspieltheater“ im ersten Stock wurde wieder belebt und erinnerte an frühere Theater-Höhepunkte. Der BurgSommer hat sich in den letzten Jahren etabliert und eine jährliche Theaterproduktion im Rahmen dieser Veranstaltungsreihe wäre durchaus wünschenswert. Die ausverkaufte Premiere zeigte, dass in der Stadt Hall viel Potential für professionelles, ernsthaftes Volkstheater vorhanden ist.

Weitere Aufführungen im Rahmen des Haller BurgSommers in der Burg Hasegg (Burghof):
MI, 29.6. / DO, 30.6. / FR, 01.07. / SO, 03.07. / MI, 06.07. / DO, 07.07. / FR, 08.07. / SA, 09.07., jeweils um 20 Uhr. Bei Schlechtwetter finden die Aufführungen im Salzlager Hall statt.
www.burgsommer-hall.at
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