17.03.2016, 14:00 Uhr

"... es gab überall Arbeit!"

Extreme Armut in Europa - etwa in Bulgarien, Rumänien und Exjugoslawien wird durch BettlerInnen auch in Österreich sichtbar. (Filmszene)
Innsbruck: Haus der Begegnung |

Fast zeitgleich mit dem Bettelverbot zum Ostermarkt in Innsbruck eröffnete das Haus der Begegnung mit dem beklemmenden Dokumentarfilm "Natascha" einen Einblick in den Arbeitsalltag einer bulgarischen Bettlerin.

"Egal wohin du gegangen bist, es gab überall Arbeit", erzählte Nataschas Mutter in einer trostlosen Herbstlandschaft in Bulgarien. Sie geht über staubtrockene Feldwege mit ihrem Mann und dem Enkel ins nahegelegene Wäldchen um Kieferzapfen und Streuholz zu sammeln. Im Hintergrund dämmern verfallende Fabriksgebäude unter einem graublauen Himmel. Sie war soeben mit ihrer Tochter Natascha wieder von Graz in die Heimat zurückgefahren. Im Fernbus. Seit dem Ende des kommunistischen Regimes hat sich in Bulgarien vieles verschlechtert. Gab es früher wenigstens ausreichend Arbeitsplätze für die Romafamilien ihres Dorfes, so hat sich nach dem Schließen der vielen Fabriken und dem Abverkauf der Maschinen irgend woanders hin, Arbeits- und Perspektivlosigkeit breit gemacht. Natascha hatte als Kind aufgrund eingetretener Glassplitter einen Fuß verloren und muss inzwischen mit Protesen und im Rollstuhl für ihren Sohn, die Eltern, die Brüder und Schwestern Geld im Ausland verdienen: als Bettlerin in Graz. Armutsmigration in einem der prekärsten Berufe überhaupt. Diese demütig und traurig um Hilfe bittenden Menschen sind auch in unserem Innsbrucker Alltag längst Teil des Straßenbildes geworden, zum Ärgernis vieler. Sie machen mit ihrer Existenz nämlich die "extreme Armut in Europa" sichtbar.

Experten-Gesprächsrunde


Nach dem 84-minütigen Film von Ulli Gladek (2008) gab es die Möglichkeit zu einer Gesprächsrunde mit Elisabeth Hussl (unicum:-mensch) und Helmut P. Gaisbauer (Zentrum für Ethik und Armutsforschung, Salzgburg). Natürlich wurden die zwei Experten mit dem berühmten Mercedes-Gerücht konfrontiert: "Bekannte von mir haben gesehen, wie sie aus einem dicken Mercedes ausgestiegen sind, und sich dann umzogen bevor sie betteln gingen." Nur komisch, selber gesehen hat das noch niemand im Saal. Dass sich gerade die Ärmsten miteinander solidarisieren, Fahrgemeinschaften gründen, einander Geld leihen, wenn ihnen etwa die Polizei das Erbettelte abnimmt und sie für das Betteln bestraft werden, und gemeinsame Unterkünfte bewohnen, sei eigentlich verständlich. Natascha musste in der Regel, einen Monat betteln, um alle die "Spesen" bezahlen zu können. Erst ab dem zweiten Monat, erbettelte sie das für die Familien in Bulgarien so dringend benötigte Geld. In der Gesprächsrunde erfuhr man dann auch, dass Natascha inzwischen nicht mehr Betteln kann, da es ihrer Mutter so schlecht ginge. Sie würde inzwischen fleißig stricken und die Stickwaren verkaufen. Der Sohn sei auch bald mit der Schule fertig und würde schon hin und wieder Gelegenheitsarbeiten erledigen. Mit dem Kauf des Filmes oder auch des Buches "Betteln fordert heraus" konnten die Besucher diese Familie unterstützen.

Der Sozialpolitische Filmabend wurde vom Haus der Begegnung gemeinsam mit dem Katholischen Lehrerverein, der Medienstelle der Diözese Innsbruck , dem Verein unicum:-mensch, der Initiative Kulturpass und der Bettellobby Tirol veranstaltet.
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