18.03.2016, 15:48 Uhr

"Köln", "Obergrenze" und "37.500"

Innsbruck: Haus der Begegnung |

Worüber reden wir eigentlich, wenn wir über Flüchtlinge sprechen und was macht dieses "Sprechen" mit uns? Anlässlich des "World Social Work Day 2016" veranstalteten das Haus der Begegnung Innsbruck u.a. eine Podiumsdiskussion zur politischen Diskussions(un)kultur und ihren Einfluss auf unsere gesellschaftliche Meinungsbildung zum Thema Flucht und Asyl.

"Köln", ein Wort das sich und uns seit der Silvesternacht verändert hat. Es steht für ein Ereignis, das beim Thema sexualisierte Gewalt gegen Frauen schlagartig vergessen ließ, dass das KEIN "importiertes" Problem ist. 8000 Vergewaltigungen werden jährlich in Deutschland angezeigt. "Wo landen eigentlich alle die anderen Anzeigen von Vergewaltigungen?", fragte Lisa Gensluckner (Initiative Minderheiten). Und dabei werden geschätzte 80 Prozent der Vergewaltigungen erst gar nicht einmal angezeigt. Interessiert jetzt nicht mehr, denn jetzt ist der Fokus nur mehr auf eine einzige Tätergruppe mit einigen bestimmten Merkmalen gerichtet. Mit diesem Beispiel macht Gensluckner nachvollziehbar, was Prof. Reinhold Gärtner in seinem Impulsreferat in ein paar Denkanstößen zu bedenken gab: Die aktuelle Flüchtlingsdiskussion ist von Metaphern geprägt, die unseren Perspektive verändern, die die Verhältnisse umkehren, und unser Denken gefährlich umkrempeln, weil sie uns Angst machen (sollen) - vor allem zur Stimmenmaximierung bestimmter Parteien.

Denkumkehr


Werden Wörter wie Strom, Welle, Flut oder Tsunami mit dem Wort Flüchtling verbunden, sind die, die am Land sind, "wir", plötzlich die Opfer. Nicht länger sind die Flüchtlinge im Meer gefährdet unterzugehen, sondern das gesamte (christliche) Abendland versinkt buchstäblich vor unserem inneren Auge im Meer. Ähnlich die Verhältnisse umkehrend wirkt der Spruch: "Das Boot ist voll!". Er suggeriert, dass ein einziger weiterer Flüchtling unser schwankendes Schifflein zum Kentern bringt, und nicht wir ihm die Hilfe verweigern und ihn somit ertrinken lassen. Neben Gärtner und Gensluckner saßen auch noch am Podium: Georg Mackner (Öffentlichkeitsarbeit der TSD-GmbH) und Manuel Wenda, ein Sozialarbeiter, der mit jugendlichen Flüchtlingen arbeitet. Im Publikums saß die zuständige Tiroler Landesrätin Christine Baur. Die Rede- und Diskussionsbeiträge machten einerseits deutlich, das sich in der letzten Zeit der Diskurs verschärft hatte, die positive Stimmen leiser wurden und die positive Stimmung, Stichwort "Willkommenskultur", immer mehr ins Gegenteil kippte. Dass dabei das gezielte Streuen von Gerüchten und Falschmeldungen eine Rolle spielt, war vielen im Saal klar. Und weiter auch, dass auch geschürte Ängste einfach Ängste sind, die auf unser Denken Einfluss nehmen.

Das Fazit der Veranstaltung: Lassen wir die guten Stimmen wieder lauter werden und passen wir auf, worüber wir eigentlich reden, wenn wir über Flüchtlinge sprechen: nämlich über konkrete Menschen mit einen persönlichen Gesicht und einer einzigartigen Geschichte.
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