15.03.2016, 15:00 Uhr

Felix Mitterer: Ein Glück, es war eine Einzelzelle...

Felix Mitterer

Wenn ein Krieg den Kindern ihre Väter und den Frauen ihre Männer raubt, geschehen oft mit den Hinterbliebenen schlimme Dinge, die zur Last fürs Leben werden können. Davon könnte Felix Mitterer ein Lied singen - doch er griff zur Feder!

KITZBÜHEL/KIRCHBERG/WEINVIERTEL. Etwas Schönes an Freunde zu verschenken ist immer gut! Auch wenn es ein Kind ist? Im kalten Februar 1948, am Achensee, bringt Adelheid ihr 13. Kind zur Welt. Es ist eine schwere Geburt, noch schwerer kann sich die verzweifelte Frau vorstellen, das Baby bei sich zu behalten, da die Armut aus jeder Ecke lugt. Felix wird sofort nach der Entbindung an Adelheids kinderlose Freundin Juliane übergeben. Die Adoptiveltern sind glücklich. Deren Sohn Felix Mitterer – heute einer der gefragtesten Schriftsteller und Drehbuchautoren im deutschsprachigen Raum – lebt sein Leben lang mit der Frage: „Musste es so sein?“

Triste Kindheit

Seine Kindheit in der Nachkriegszeit verläuft trist in der Feldarbeiter-Meile und zeigt dürre Lebensperspektiven. Die permanenten Depressionen seiner Adoptivmutter, hervorgerufen durch ihre harte Kindheit, dann auch durch die Karten-Spielsucht des Adoptivvaters, dennoch einer der liebevollsten Menschen, überschatten Felix‘ junge Jahre in der Bergnatur in Kitzbühel und Kirchberg.

Unterricht geschwänzt

Doch Sonnenstrahlen der Hoffnung schleichen sich durch die Wolken des Kummers, dank der Berührung mit der Welt der Literatur. Eine Urlauberin schenkt dem Dorfbuben sein erstes und für immer liebstes Buch „Tom Sawyer“. Einmal ins Reich der Geschichten eingetaucht, kommt er aus dem Phantasiesog nicht mehr heraus. „Meine Lieblingsfächer in der Schule waren Deutsch und Geschichte, den Rest fand ich überflüssig. Ich schwänzte oft den Unterricht und versteckte mich in Heuhütten, um in Ruhe lesen zu können. Ich las alles, was ich in die Hände bekam“, erinnert sich Mitterer. „In der Schule erzählte ich, dass ich bei den Feldarbeiten mithelfen musste.“ Bereits in der 2. Klasse Volksschule entdeckt und fördert Felix Deutschlehrer dessen Sprachtalent.

Traum vom Schreiben

Der junge Tiroler träumt davon, Schriftsteller zu werden. „Du kannst Priester oder Lehrer werden“, wird er von seinem Lehrer aufgeklärt. „Ich habe mich für den Lehrerberuf entschieden, da mich zu dem Zeitpunkt Amors Pfeil erwischte. Ein katholischer Pfarrer zu werden kam daher nicht in Frage“, schmunzelt der Schriftsteller.
„Das Mädchen, in das ich verliebt war, weiß noch immer nichts davon. Bei Herzangelegenheiten war ich so schüchtern, dass ich mich sogar in den späteren Jahren nie traute, ein Fräulein anzusprechen. Das hat immer ein Freund von mir erledigt.“

„Flucht“ Richtung England

Fasziniert von der englischen Literatur beschließt er eines Tages, sein oft ungemütliches Elternnest zu verlassen und nach England zu fliehen. Er hinterlässt einen Abschiedsbrief voller Vorwürfe an die Mutter, und mit ein paar Groschen in der Tasche bricht er bei Nacht aus. Per Anhalter kommt er bis Rotterdam. „Das Geld war schnell weg. Völlig erschöpft, hungrig und im typischen ‚Ausreisser-Look‘ bin ich von der holländischen Polizei aufgegriffen worden. Interpol hatte längst nach mir gesucht“, beichtet der Ex-Flüchtling. „Ich hatte keinen Pass und wollte nicht sagen, wer ich bin. Doch die Holländer stellten anhand meines Dialektes rasch fest, woher ich komme. Man übergab mich an den österreichischen Botschafter. Der gute Mann stellte mir einen vorläufigen Ausweis aus und organisierte für mich eine Mitfahrt im Lkw. Leider musste ich auf meinen ‚Reisebus‘ drei Tage warten. Die verbrachte ich in bester Gesellschaft‘ im Gefängnis. Gott sei Dank in einer Einzelzelle.“

Die nächsten Jahre arbeitete er als gescheiterter Mittelschüler beim Zoll in Innsbruck. „Die Nächte verbrachte ich am Schreibtisch; das Geschriebene verschickte ich regelmäßig immer nur an einen Verlag. Nach langem Warten gabs höfliche Ablehnungen. Dann an einen anderen Verlag, aber nicht gleichzeitig an mehrere, denn was hätte ich bei mehreren Zusagen getan? Wie hätte ich entscheiden sollen? Ich prüfte meinen Briefkasten pünktlich jeden Tag um 11 Uhr – und das 11 Jahre lang“, so der Strebsame.

Ihre ersten Hörspiele wurden beim ORF ausgestrahlt. Hatten Sie dort Connections?

„Ich hatte null Kontakte zur Künstlerszene, ich bewarb mich selbstständig bei Radiosendern, nahm bei Wettbewerben teil. Ich war mir einfach sicher, dass ich ein berühmter Schriftsteller werden musste. Ich schrieb alles nieder, was mich faszinierte: über Tirols Geschichte, über das Selbsterlebte, sogar Krimis. Das Spannende an meinem Beruf ist, dass man vorher nie wissen kann, was die Leser toll finden werden oder womit der erhoffte Durchbruch kommt.“

Der Durchbruch

Das Theaterstück „Kein Platz für Idioten“ verschafft dem jungen Autor 1977 plötzlich einen Platz am literarischen Sprungbrett – als Schriftsteller und auch als Schauspieler. „Ich spielte mit, weil wir kurzfristig niemanden für die Rolle gefunden haben. Erst auf der Bühne stellte ich fest, dass ich mich selbst spielte und ich das Stück über mich selbst geschrieben hatte. Ich war zwar geistig nicht behindert, aber wohl ein bissl verrückt“, lacht der Autor.

Die „Piefke-Saga“ war ein Riesen-Erfolg. Planen Sie Ähnliches in der näheren Zukunft?
„Ich schrieb die Piefke-Saga Mitte der 80er-Jahre im Auftrag des NDR, das Projekt verschwand dann für eine Weile in der Schublade und wurde erst 89/90 realisiert. Dass es den damaligen Nerv der Zeit so traf und es zu einer heftigen Diskussion kam, war für alle Beteiligten eine grandiose Überraschung. So etwas kann man nicht planen“, so der Saga-Autor. „Seit damals schreibe ich nur noch im Auftrag, die Zeit, als 1983 der Gerichtsvollzieher vor der Tür stand, war vorbei. Jetzt konnte ich auch meine Adoptivmutter unterstützen, die jahrelang in Pensionen putzen gegangen war, um mir den Besuch der Lehrerbildungsanstalt in Innsbruck zu ermöglichen.“

Hatten Sie Ihre leibliche Mutter jemals getroffen?

„Ich besuchte sie mehrmals im Jahr und bewunderte ihre positive Lebenseinstellung. Sie hatte bitter bereut, dass sie mich quasi verschenkt hatte. Ich habe es Adelheid natürlich verziehen, nur ‚Mama‘ konnte ich zu ihr nie sagen. Jahrelang bohrte ich sie mit der Frage, wer mein Vater war. Irgendwann kam doch heraus, dass er aus der Bukowina stammte (heute Ukraine) und ausgewandert war. Meine Suche nach ihm war leider vergeblich.

Welche ist Ihre Lieblingsfarbe?

„Ich liebe Grün, wie Irland. Dort gibt es 111 Grüntöne in der Landschaft. Mit genügend Geld in der Tasche und nicht mehr per Anhalter habe ich es doch geschafft, dorthin zu kommen. Meine Tochter Anna wollte unbedingt Englisch lernen, und ihr Wunsch war mir Befehl, da es auch mein alter Wunsch war! Der geplante Kurzaufenthalt in der Dichter-Oase dauerte dann 15 lange schöne Jahre.“

Haben Sie versucht in Englisch zu schreiben?

„Mit beinah 50 war ich zu alt dafür. Ich konnte gut den Dialekt des Dorfes, in dem wir lebten. Der hat mit der Sprache Shakespeares wenig gemein. Ich schrieb nicht in Englisch, und doch stellte ich eines Tages etwas Katastrophales fest: Ich fing an, die deutsche Sprache zum Teil zu verlieren! Das war wenig erfreulich für jemanden, der damit sein Brot verdient“, erinnert sich Mitterer, so fand ich dann im Weinviertel ein Irland landschaftlich sehr ähnliches Plätzchen, wo es sich gut leben und schreiben lässt.“

Wie verbringen Sie Ihre Freizeit? Trinken Sie gerne Wein?

„Ich lebe, um zu schreiben und ich schreibe um zu leben. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht, und bin darüber stolz und glücklich. Meine Nachbar-Winzer bringen mir Weine zum Probieren. Dies tu‘ ich gerne, aber nicht, wenn ich schreibe. Da muss mein Kopf klar und wachsam sein.“

Welchen Rat würden Sie jungen Autoren geben?

„Spannend schreiben, fest an sich glauben und niemals aufgeben!“

Fotos: Schilling, Kogler
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