19.09.2016, 13:55 Uhr

Joseph Vilsmaier - großer Filmvisionär

Joseph Vilsmaier beim Interview in Kitzbühel im Rahmen des Filmfestivals 2016. (Foto: Schilling)

Was haben ein Filmregisseur und ein Marathonläufer gemeinsam? Keiner kommt ans Ziel, ohne genug Ausdauer zu haben.

KITZBÜHEL (navi). Kind sein war herrlich. Die Kindheit zählt für ihn, trotz Krieg, zur schönsten Zeit seines Lebens. Der kleine Joseph genießt als Einzelkind die volle Liebe seiner Familie. Die meiste Freizeit verbringt er mit Freunden in Bayerns Wäldern. In der Schule vertieft der Junge gierig sein Wissen in Erdkunde oder lernt Klavierspielen. Bereits als Teenager läuft er unermüdlich die Strecke von 10.000 Metern und fährt leidenschaftlich sein gebrauchtes Rennrad, das er zum 14. Weihnachtsfest von den Eltern geschenkt bekommt. Der Vorbesitzer des Fahrrades ist Josephs größtes Vorbild: Sigi Renz, die damalige Legende des Sechstagerennens.

Einmal, in den Ferien, besucht der Bursche mit seinem Vater, der bei der Bavaria den obersten Chef chauffiert, die Dreharbeiten in Berchtesgaden der Erstverfilmung von „Die Geschichte vom Brandner Kaspar“. Dort begegnet ihm eine „Kleine in Schwarz“, in deren Netz er plötzlich gefangen wird. Sie heißt Filmkamera, und um hinter dieser in Zukunft seinen Platz einnehmen zu dürfen, verzichtet der talentierte Pianist Vilsmaier sogar auf eine zukünftige Musikkarriere.

Vor genau 55 Jahren fällt die erste Klappe seiner erfolgreichen Laufbahn bei der Münchner Filmfabrik. „Ganz am Anfang bei der Bavaria hatte ich einen 'Deppenjob', ich war 'Mädchen für alles'", erinnert sich schmunzelnd der Meister. „Ich stellte nun rasch fest, dass, je höflicher ich wurde und je öfter ich Kaffee für die Crew holte, umso schneller würde ich befördert.“ Da Joseph Vilsmaier auch noch einige andere Talente vorzuweisen hatte, wurde er zum gefragten Kameramann und später zum Filmregisseur und Buchautor.

„Was hat Sie motiviert, das Thema „Stalingrad“ zu verfilmen?“. „Der Zweite Weltkrieg ist auch an meiner Familie nicht spurlos vorüber gegangen. Zwei Brüder meines Vaters sind bei Stalingrad gefallen, der Dritte kehrte aus der Gefangenschaft mit nur einem Bein zurück. Es war mir ein inneres Bedürfnis, darüber zu erzählen. Außerdem fand ich das Drehbuch so gut, dass ich dem Genuss, einen großen Film mit vielen Menschen zu machen, nicht widerstehen konnte. Als Vorbereitung für die Dreharbeiten war ich nicht nur in Moskau und St. Petersburg, sondern auch in Wolgograd (dem damaligen Stalingrad). Ich war neugierig, selbst zu erkunden, wo diese entsetzliche Schlacht stattgefunden hat. In meinem Gespräch mit dem Bürgermeister von Wolgograd fragte ich, ob es der Wahrheit entspricht, dass die Kämpfe auch unterirdisch und in der Kanalisation stattgefunden haben? Darüber las ich einmal in einem Zeitungsartikel. Mit einem sanften Lächeln dementierte der Bürgermeister diese falsche Vermutung: 'Wie hätten denn die Panzer und die schwere Artillerie dort reinpassen sollen?!'. „An eine unglaubliche Begegnung, die uns während des Drehs passierte, erinnere ich mich immer noch mit Gänsehaut", so der Regisseur. „Um bei dieser Kriegsgeschichte historisch korrekt zu bleiben, ließ ich mich von zwei Generälen beraten, einem deutschen und einem russischen. Bei unserem gemeinsamen Kennenlernen kam plötzlich heraus, dass sich die Beiden bereits kannten, sie standen sich während des Kampfes um Stalingrad von Angesicht zu Angesicht gegenüber, jeder mit einem Revolver in der Hand, und keiner drückte ab! Zur Filmpremiere in Moskau flog ich mit äußerst gemischten Gefühlen und war zutiefst überrascht, wie herzlich, mit Nelken-Sträußen und oft mit Tränen in den Augen, ich dort empfangen, besser gesagt: brüderlich gefeiert, wurde!“, so der inzwischen zum wahren Russland-Fan gewordene Vilsmaier.

„Was verbindet Sie mit Tirol?“ „Ich war schon als Kind oft und gerne hier, und habe in Kitzbühel Skifahren gelernt. Ich lebe in München, quasi um die Ecke, und nutze jede Gelegenheit, hierher zu kommen, um die prachtvolle Berglandschaft zu betrachten und neue Energie zu tanken. Nicht umsonst habe ich auf die Einladung zum Kitzbühler Filmfestival sofort zugesagt. Ich weiß eine schöne Kulisse zu schätzen!“, so der Künstler.

„Welche Auswirkung hat Ihre Musikausbildung auf Ihren Beruf?“ „Die war und ist mir immer eine große Hilfe, da ich die Filmmusik für meine Filme selbst aussuche und bestimme. Eine schöne Melodie trifft den Menschen direkt ins Herz und macht einen Film vollkommen“, so der Konservatoriums-Absolvent.

„Welches sind Ihre neuen Projekte?“ „Ich bin gerade dabei, meine neue Filmdoku 'Bayern sagenhaft' abzuschließen. Danach gibt es einige interessante Projekte wie z. B. einen Film über Papst Benedikt, die 'Chinesischen Briefe' und einen Film von und mit Monika Gruber 'Die unsichtbare Frau'!"
„Haben Sie Hobbys?“. „Mein Job ist für mich das schönste Hobby!“
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