01.09.2016, 12:40 Uhr

Ötztaler Radmarathon: Sportreporter im Selbstversuch

Die Luft ist dünn, die Muskel brennen: Nur mehr wenige Höhenmeter zum Timmelsjoch, dem höchsten Punkt auf 2.509 m Seehöhe (Foto: © sportograf)

AM EIGENEN LEIB

238 Kilometer und 5.500 Höhenmeter am Rennrad. Ist diese unbarmherzige Tortur zu schaffen?

Die Welt eines Sportreporters ist geprägt von Siegern und Stars. Sie dominieren Schlagzeilen und Berichterstattung. Die Mehrzahl der Akteure findet dabei keine Erwähnung. Jene Hobbysportler, die eine Unmenge an Freizeit, Schweiß und Geld investieren und für die Podestplätze dennoch meist außer Reichweite bleiben. Was für sie zählt, ist die Freude an der eigenen Leistung, dem sportlichen Vergleich mit Freunden, Bekannten und Vereinskollegen, vielfach auch an der Auslotung der eigenen Grenzen.

Versehen mit einer kräftigen Portion Demut stehe ich inmitten einer riesigen Heerschar solcher Helden. Nicht davor, wie ansonsten, um ein Startfoto für die Sportseiten zu schießen. Ich befinde mich in Sölden. Es ist frühmorgens, kühl, aber zum Glück trocken und wolkenlos, keine drohende Regenwolke in Sicht. Der Start zum Ötztaler Radmarathon steht unmittelbar bevor. Mit rund 4000 Gleichgesinnten habe ich ein gemeinsames Ziel: 238 Kilometern und 5.500 Höhenmeter mit dem Rennrad zu bewältigen. Eine Härteprüfung, die Körper und Psyche malträtiert. Was mich erwartet, kenne ich nur aus Erzählungen. Es ist die Premiere für mich. Mein Verstand kämpft gegen den überschwappenden Ehrgeiz in mir. Es siegt die Vernunft. Nur Durchkommen heißt die Devise. Aufgeben würde dem Ego schaden und die Mühen von tausenden Trainingskilometern zunichte machen. Das Finisher-Trikot ist das Objekt der Begierde! Es gilt der alte Spruch, in abgewandelter Form: Der Schmerz vergeht, das Trikot bleibt.

Kein Morgen wie jeder andere

Um 6:45 kracht der Startschuss. Fast 8 Minuten dauert es, bis ich im dichten Pulk über die Startlinie rolle. Mehr als 3.000 Fahrer sind zu diesem Zeitpunkt schon auf der Strecke. Rad an Rad geht es talauswärts nach Ötz. Die abschüssige Straße mit einigen rasanten Passagen und Kurven verlangt volle Konzentration, denn ein Sturz mit rund 50 km/h könnte das frühzeitige Aus bedeuten. Immer wieder kommt der Gedanke: Hoffentlich hält das Material der Belastung stand, hoffentlich kein platter Reifen. Die erste Kletterpartie führt über 1.200 Höhenmeter nach Kühtai. Jetzt das Pulver nur nicht vorschnell verschießen, das könnte sich später rächen. Auf 2.020 m Seehöhe wartet die erste Verpflegsstation. Die Abfahrt Richtung Innsbruck ist anspruchsvoll. Berühmt berüchtigt die Kühe, aber auch Pferde, die einem auf diesem Streckenabschnitt in die Quere kommen können, und etliche Weideroste, die im Höllentempo überfahren werden und Mensch und Material kräftig durchschütteln. Nach Innsbruck wird die Hitze spürbar. Jetzt nur nicht warten, bis erstes Durstgefühl aufkommt. Auf den eineinhalb Stunden bis zum Brenner wird das Isogetränk beider Trinkflaschen aufgebraucht - bis auf den letzten Schluck. Die Labestelle auf der Passhöhe lädt zum Verweilen und ermöglicht ein Auftanken der Kräfte. Die ersten Kilometer hinab nach Südtirol geht es mühelos. Nach Sterzing wendet sich das Blatt. Die moderate Steigung zum Jaufenpass (2.090 m) erweist sich als Wolf im Schafspelz. Das Sommerwetter trägt seinen Teil dazu bei. Dehydrierte und entkräftete Weggefährten steigen vom Rad, hoffen auf neue Kräfte durch eine kurze Rast. Manch einem ist die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben. Worte der Resignation sind zu hören. Die Hälfte der rund 400 Teilnehmer, die das Ziel nicht erreichen, scheitern in diesem Teilstück, weil sie den Jaufenpass nicht innerhalb des vorgegebenen Zeitlimits erreichen.

Trinken und Essen ohne Reue!

Nach kurvenreicher Abfahrt empfängt mich das Passeiertal mit afrikanischer Hitze - zumindest empfinde ich es so. Die letzte Prüfung ist ein Kraftakt: fast 28 Kilometer lang ist der Anstieg zum Timmelsjoch. Über 1.759 Höhenmeter windet sich das Asphaltband nach oben, bis der erlösende Scheitelpunkt auf 2.509 m Seehöhe erreicht wird. Die beiden Verpflegsstationen, die passiert werden, sind willkommene Wohlfühloasen. Dort pumpe ich neue Energie in die geschwächten Körperzellen. Mit der festen Überzeugung, auch die letzten Serpentinen in der dünnen Gebirgsluft meistern zu können, schwinge ich mich wieder in den Sattel. Die Beine sind schon etwas schwer, aber verrichten weiterhin brav ihre Dienste. Und jede Schinderei geht einmal zu Ende.
Auf den letzten Marathon-Kilometern hinab vom Timmelsjoch nach Sölden, unterbrochen durch einen kurzen Gegenanstieg, verspüre ich kaum Müdigkeit. Es ist eigenartig. Die Freude, bald das Ziel zu sehen, vertreibt alle Erschöpfung. Ein Radfahrer mit Tourenfahrrad, bepackt mit Rucksack und Seitentaschen am Gepäckträger, der mich trotz Tempo 70 überholt, entlockt mir ein kurzes Lachen. Egal. Hauptsache Sölden sehe ich wieder. Nach fast einem halben Tag im Sattel erreiche ich das Ziel, bin glücklich und mit mir zufrieden. Gleich nach der Ankunft entspringt ein Gedanke im Kopf: Ich komme gerne wieder. Vielleicht schon zum nächsten Ötztaler (Radmarathon) am 27. 8. 2017. Versprechen kann ich jetzt schon: Ich werde bestimmt keinem Favoriten den Sieg wegschnappen.
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