31.08.2016, 10:00 Uhr

Klosterneuburgin schaut der österreichischen Familienpolitik auf die Finger

Wahlfreiheit ist das Lieblings- und gleichzeitig Feindwort, der Klosterneuburger Familienforscherin Christiane Rille-Pfeiffer. (Foto: Cornelia Grobner)

In Klosterneuburg kennt man sie als Grünland-Aktivistin, der Bundespolitik steht die Soziologin Christiane Rille-Pfeiffer bei Familienthemen beratend zur Seite.

KLOSTERNEUBURG/WIEN (Printausgabe, 31. August 2016). Das Büro des Österreichischen Instituts für Familienforschung (ÖIF) liegt im ersten Wiener Gemeindebezirk, eine Querstraße vom Rathaus entfernt. Seit über 20 Jahren forscht die Klosterneuburger Soziologin Christiane Rille-Pfeiffer unter dem Dach dieser Universitätseinrichtung zu Dynamiken und Veränderungen rund um Familie, Generationen, Geschlechtern und Beziehungen.

Beim Thema Familie sind alle ExpertInnen

Wenn es ums Thema Familie geht, seien alle Menschen ExpertInnen. Das ist gleichzeitig Segen und Fluch für jene, die sich professionell damit auseinandersetzen. Davon weiß Rille-Pfeiffer ein Lied zu singen – und auch davon, wie konservativ und ideologisch beladen ihr Forschungsfeld ist. Aber: "Familie ist sehr vielschichtig und in der Realität viel differenzierter als das Stereotyp dazu", betont die 47-Jährige.
Mit Ideologie kennt sie sich nicht nur beruflich aus – war sie doch eine der InitiatorInnen der Grünland-Volksbefragung in der Babenberger Stadt.
Während die Koalition heftig über die Reform des Kindergeldes verhandelte, stellte Rille-Pfeiffer im Hintergrund eine mehrjährige Wirkungsanalyse und Beurteilung der österreichischen Familienpolitik fertig. Die Ergebnisse daraus unterstützen die Politk bei der Entscheidungsfindung über neue Maßnahmen wie etwa der Schaffung eines Kindergeld-Kontos.

Vereinbarkeit anders denken

Vereinbarkeit ist seit Jahren ein großes Thema, auf das sich auch Medien gerne stürzen. Rille-Pfeiffer plädiert dafür, sich für neue und ungewöhnliche Denkmodelle zu öffnen: "Es gibt viele Formen von Vereinbarkeit. Dass Vereinbarkeit von Familie und Beruf funktioniert, wenn der Partner seinen Teil übernimmt, unterstützende Großeltern, Betreuungsplätze und flexible Arbeitszeiten vorhanden sind, ist eine Binsenweisheit. Wichtig dabei ist, Vereinbarkeit nicht nur auf die ersten Lebensjahre des Kindes zu reduzieren. Wir sind bei dem Thema noch nicht an der Fahnenstange des Nachdenkens angelangt."

Was heißt schon Wahlfreiheit?

Bei der vielseits geforderten Wahlfreiheit für Mütter muss Rille-Pfeiffer jedes Mal tief durchatmen: "Ich drifte zwischen Lieblings- oder doch Feindbegriff hin und her. Der Begriff ist in Wahrheit eine Augenauswischerei, wenn aus finanzieller Sicht ohnehin nur einige in der privilegierten Lage sind, sich entscheiden zu können, ein paar Jahre aus dem Beruf auszusteigen und sich um die Kinder zu kümmern. Die Politik muss sich am Leben der Menschen orientieren und den vielfältigen Lebensentwürfen Rechnung tragen." Für derartige Lösungen, sei es notwendig, das System an sich zu hinterfragen, das Vereinbarkeit für viele nur in Kombination mit Teilzeit-Arbeit ermöglicht: "Teilzeit gehört aufgewertet und sichergestellt, dass die Betroffenen nicht in Altersarmut abgleiten. Politik, Wissenschaft und Wirtschaft sind gefordert, wie man Erwerbsarbeit mehr dem Leben der Menschen anpassen kann."
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