15.03.2016, 07:47 Uhr

Der Wald: Eine Begegnung mit sich selbst

Räuchern im Seminarhaus: Eine Atmosphäre wie in einer anderen Welt.

Ein Nachmittag mit Waldpädagoge und Bauer Sebastian Schrödl am Flecknerhof in Rettenschöss.

RETTENSCHÖSS (mel). Kalt ist es in Rettenschöss. Während im Tal bereits langsam der Frühling erwacht, regiert auf 1000 Metern Seehöhe noch der Winter, alles ist eingepackt unter einer frischen Schicht Neuschnee. Ich bin zu Gast bei Sebastian Schrödl vulgo "Fleckner Wast", seineszeichens Waldpädagoge, Waldaufseher und Bergbauer. Die Anreise hat sich gelohnt: Hier oben gibt es keine Nachbarn, nicht mal Autos fahren die einspurige Straße hinauf. Es herrscht ungewohnte Stille. Dafür gibt es Natur so weit das Auge reicht, ringsum erstrecken sich sanfte Hügel, umrandet von Wäldern.
Wast ist gerade im Wald am Werken, sogleich werde ich herzlich begrüßt. Er ist ein kerniger "Loda", mit Holzfällerhemd, Hut und Feder, ein Amulett schmiegt sich um seinen Hals. Seine Erscheinung wirkt weder kitschig noch aufgesetzt, sondern beruhigend authentisch.



Ein Reich der Sinne

Geboren wurde Wast am Flecknerhof, auf dem er bis heute lebt. Seit 1988 ist er Waldaufseher und Biobauer mit einem unglaublichen Wissen über die Natur und ihre Gesetze. "Ich will den Menschen die Natur spüren lassen", erklärt Wast seine Motivation. Deshalb bietet er Waldführungen und Seminare in seinen selbstgebauten Hütten an, wo auch gleich unsere Reise hinführt.
Unsere erste Station ist sein Seminarhaus, ein runder Raum mit Sitzgelegenheiten für etwa 20 Personen. Alles besteht aus Holz. In der Mitte flackert ein Feuer, umringt von Dunkelheit. "Wenn der Mensch am Feuer sitzt, ist er daheim", schmunzelt Wast. Immer schon spürte er eine besondere Verbindung zur Natur, speziell Bäume und Wälder haben es ihm angetan. Die Wahrnehmung, so der Waldpädagoge, schaffe den Zugang zur Natur. "In mystischem Ambiente sind wir besonders offen", erklärt Wast. Er hat recht.
Im Seminarhaus teilt er sein Wissen über alte Rituale und Bräuche, persönliche Gesprächsrunden sorgen für eine intime Atmosphäre. Er erzählt von den zehn wichtigsten Bäumen Lärche, Kiefer, Fichte, Eibe, Tanne, Buche, Birke, Esche, Ahorn, Linde und hebt deren Eigenheiten sowie den ureignenen Rhythmus hervor. "Der Baum wächst sowieso, ob es dir nun passt oder nicht", lacht der 57-Jährige. Wie selbstverständlich hält er ein Kräuterbüschel ins Feuer und räuchert damit die Hütte.

Natürlicher Entdeckergeist

Auf seinem Anwesen besteht so gut wie alles aus Holz, von den Hütten über Gebrauchsgegenstände bishin zu Kunstwerken und Trommeln. Als einer von rund 40 Waldpädagogen in Tirol führt Wast regelmäßig Schülergruppen durch seinen Gebirgswald. Spielerisch und kreativ wird bei diesen Exkursionen die Natur erkundet. "Wir beobachten mit all unseren Sinnen Pflanzen und Tiere", erklärt Wast. Es wird im Wald gespielt, gebastelt und entdeckt. Kinder seien ohnehin meist viel empfänglicher als Erwachsene. "Es geht hier nicht um Wissen, was zählt, ist das Spüren", sagt der Waldpädagoge.


Die eigene Mitte finden

Wir brechen auf zum Heustadl. Diese Hütte hat ihren Eingang knapp unter dem Dach, darunter liegen und wirken sechs Meter Heu. Schnell gewöhnt man sich an den intensiven, wohlriechenden Duft. Viele Dinge, so Wast, könne man sich von der Natur abschauen: "Die Linde zum Beispiel lebt in der Lösung und nicht im Problem." Jedoch habe der Mensch von heute leider viel zu oft den Bezug zu seiner Natürlichkeit verloren. "In der Natur begegnet man sich selbst, das muss nicht immer angenehm sein", spricht Wast aus eigener Erfahrung. Auch er durchlebte eine "dunkle Zeit", wie er sie selbst nennt. Wast hat aus eigener Kraft wieder zurückgefunden, der Wald hat ihn dabei unterstützt.
Nach einem kurzen Abstecher zur Schwitzhütte geht es weiter zum rund hundert Meter entfernten Flecknerhof. In seiner Werkstatt ist Wast fast täglich am tüfteln und fertigt nebenbei kleine Kunstwerke aus Holz. Momentan sind es Osterhasen und Herzen. Er nimmt eine tellergroße Holzscheibe und zeigt auf die dunklen Stellen darin. Dies seien Verhärtungen, mit denen der Baum versucht, schwierige Phasen, wie z.B. Lichtmangel, auszugleichen. Diese Einlagerungen bleiben jedoch für immer im Holz, wie Narben. "Aber der Baum lebt trotzdem weiter und es macht ihn zum Teil sogar stärker", weiß der Waldaufseher.

Persönliche Erkenntnisse

Bei einem gemütlichen Kaffee klingt der Nachmittag aus. Auch Wasts Lebensgefährtin Karin bietet Kräuterführungen und Räucherworkshops an. Kaum jemand lebt so authentisch in und mit der Natur wie die beiden. Wurde er früher oft belächelt, pilgern heute Menschen aus aller Welt nach Rettenschöss, selbst Wissenschaftler ziehen den Wast zu Rate. Eines gibt er mir noch abschließend mit auf den Weg: "Die Natur zeigt einem vieles über sich selbst auf, aber mit den Erkenntnissen arbeiten muss jeder selber."



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