22.05.2016, 10:04 Uhr

Pure Emotion: Sólstafir im Komma Wörgl

Mitreißende Performance und berührender Sound – die Magie von Sólstafir bleibt ungebrochen.
WÖRGL (mel). Mit Musik ist es wie mit dem Eierkochen: Wenn man nicht haargenau den richtigen Punkt erwischt, wird sie entweder zu hart oder zu weich. Und wenn eine Metalband gleich mit einem halben Orchester auffährt, gestaltet sich das Unterfangen umso heikler. Vollstes Vertrauen darf man hier aber in Sólstafir haben: Die isländischen Post-Rocker gelten zurecht als Aushängeschild der atmosphärischen Musik. Behutsam und mit Bedacht fügt sich ein Klang dem anderen, nichts bleibt dem Zufall überlassen, damit die fragile Stimmung nicht zerbricht.
Neun Konzerte umfasst die aktuelle Ótta-Spezialtour, bei der das gleichnamige 2014er-Album - begleitet von Streichern und Klavier - in voller Länge gespielt wird. Auf dem Tourplan stehen Städte wie London, Leipzig, Paris, Prag…und Wörgl. Ja, Wörgl. Und das auch noch an einem Freitagabend!
So pilgerten am 20. Mai bei Sonnenschein und Vogelgezwitscher Hunderte ins VZ Komma, um in das düster-melancholische Kontrastprogramm einzutauchen.

Minutiöse Vorbereitung

Eigenwillig sind sie, die Isländer. Nach einem Soundcheck, der den ganzen Nachmittag in Anspruch nahm, legten sie um halb 9 ohne Umschweife los. Keine Vorband, kein langes Geschwafel. Addi und Konsorten setzten voraus, dass die Leute wissen, worauf sie sich einlassen.
Auf der Bühne fanden sich neben der aktuellen Sólstafir-Besetzung noch vier Streicher und ein Pianist ein. Auch diese Musiker wurden keinesfalls zufällig ausgewählt und wirken u.a. in Bands wie Hexvessel oder My Dying Bride mit. Im Hintergrund thronte eine Videowall, auf der die dazugehörigen Videos, Albumcover und bizarre isländische Landschaftsbilder den gesamten Abend visuell unterstrichen.

Und es geht los

Das sanfte, langsame Intro des ersten Albumsongs Lágnaetti läutete das Konzert ein. Schon ab dem ersten Takt war jedem einzelnen Musiker die Passion und Leidenschaft förmlich anzuspüren. Und Sänger Addi, der klare Star des Abends, schaffte es, dieses Gefühl auf die Zuhörer zu übertragen.
Das Publikum war wie gebannt. Durch die Bank standen die Konzertbesucher mit geschlossenen Augen und offenen Mündern da und lauschten. Der verzerrte Sound, die zerbrechliche Stimme – Sólstafir sind Wellness für die Ohren und eine Wohltat für die Seele. Auch gab es ob des gut gefüllten Konzertsaals so gut wie keine Zwischenrufe. Das gesamte Komma war erfüllt von ergriffener Stille.
Nach der sphärischen Ótta-Performance war erstmal eine viertelstündige Pause angesagt. Und die wurde dringend benötigt.

Einfach unbeschreiblich

Nachdem sich die Menge wieder ge- und versammelt hatte, schritt man über zum zweiten Teil, einer einstündigen Auswahl an Sólstafir-Lieblingssongs. Die Stimmung wurde zwar nach und nach ausgelassener, aber Zwischenrufe wurden dennoch nicht gerne gehört: Bei störendem Gebrabbel schritt sogleich Zeremonienmeister Addi mit mahnenden Worten ein. Neben Tadel kam auch Humor nicht zu kurz, unter anderem wurde dem Publikum eine verlockender Deal unterbreitet ("Wenn ihr in den nächsten 3 Minuten den Merchandise-Stand leer kauft, spielen wir 4 Stunden für euch") oder eine kleine Ansage auf Deutsch als Auflockerung für Zwischendurch.
Mit Klassikern wie Fjara, She Destroys Again oder Svartir Sandar boten Sólstafir schließlich einen breiten Überblick über das mehr als 20-jährige Schaffen der Band. Darunter auch ein Song, der noch nie gespielt wurde, zum Gedenken an einen verstorbenen Freund.
Was bleibt zu sagen: Gänsehaut ist kein Ausdruck für das, was sich am Freitag im Komma abgespielt hat. Diese Musik ist wie eine Droge. Und das Meisterwerk Goddess Of The Ages wirkte zum Abschluss wie ein goldener Schuss. Einfach magisch!

Vorab hab ich mich mit Addi im Tourbus zum Interview getroffen – HIER könnt ihr lesen, was er so zu sagen hat.
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