20.07.2016, 09:28 Uhr

"Kufstein ist nicht irgendein kleines Bezirkskrankenhaus"

Die Gesundheitslage im Bezirk war bereits vor einigen Ausgaben Thema der BEZIRKSBLÄTTER.

Vertreter der Ärztekammer, des BKH-Personals, des Krankenhausverbands, Selbsthilfe-Organisationen und der Tiroler Gebietskrankenkasse diskutierten in Kufstein.

KUFSTEIN/BEZIRK (nos). Zwei Stunden intensiver Gespräche standen für die Gesundheits-Fachleute in der Festungsstadt auf dem Programm – im Fokus stand auch die Zukunft des Bezirkskrankenhauses Kufstein (BKH). Mit dem Direktor der Tiroler Gebietskrankenkasse (TGKK) Arno Melitopulos, TGKK-Obmann Werner Salzburger, der Präsidentin des Dachverbands "Selbsthilfe Tirol" Maria Grander, BKH-Verbandsobmann Rudi Puecher, Ärztekammervertreter Dr. Franz Größwang, dem ärztlichen Direktor des BKH Primar Dr. Carl Miller, Kufsteins Bürgermeister Martin Krumschnabel sowie weiteren Teilnehmern fand sich eine illustre Runde von Fachleuten für einen regen Gedankenaustausch zusammen.

"Wo der Schuh drückt"

"Wir haben – Gott sei Dank – ein wenig Lob gehört", meinte TGKK-Obmann Salzburger nach Ende der "Kufsteiner Gesundheitsgespräche" in den Räumen der Festungsstädter Servicestelle, "aber wir wollen ja in den Bezirken hören, wo der Schuh drückt".
"Sich in diesem Kreis zu treffen", empfand Kufsteins Bürgermeister Martin Krumschnabel als "äußerst positiv. Wir ziehen an einem Strang, wenn wir wollen, dass die Gesundheitsversorgung in der Bezirkshauptstadt aufgewertet wird." Er bemängelte die fehlende Planungssicherheit für die Gemeinden im Krankenhausverband sowie die stetig steigenden Abgaben für das BKH sowie die Innsbrucker Klinik: "Das ist bei uns budgetär spürbar".
"Der Bezirk Kufstein hat eine außerordentliche Situation zu erwarten!"

Mit dieser Feststellung ließ TGKK-Direktor Melitopulos aufhorchen. Prognosen gehen von einem Bevölkerungszuwachs im Bezirk von 14,3 Prozent aus – nur Innsbruck wächst mit 21 Prozent stärker (Tirolschnitt: +10 Prozent). Der Anteil der Über-65-Jährigen werde um 65 Prozent zulegen, so die TGKK. Das sei zu stemmen, da der Bezirk wirtschaftlich gut aufgestellt sei, die Bruttowertschöpfung liege laut TGKK bei rund 3,9 Milliarden Euro. Zudem verfüge der Bezirk über etwa 15 Prozent mehr Ärzte als andere Bezirke mit Außnahme von Innsbruck Stadt und Land.
"Kufstein trägt Mitverantwortung für andere Bezirke"
, so stammen im BKH rund 15 Prozent der Behandelten aus dem Bezirk Kitzbühel, 7 Prozent aus dem Südbayerischen Raum und 5 Prozent aus dem Bezirk Schwaz.

Die Zukunft des BKH Kufstein

"Kufstein ist nicht irgendein kleines Bezirkskrankenhaus", hielt Arno Melitopulos fest. Die Verantwortlichen haben durchaus ehrgeizige Pläne für die Zukunft des BKH. Die Anschaffung eines zweiten Magnetresonanz-Geräts sei durch "intensiven Druck" auf das entscheidende Bundesgremium bereits "fix beschlossen". Offen bleibt allerdings der Zeitpunkt der Inbetriebnahme, da hierfür in der Radiologie-Abteilung umgebaut werden müsse. Vorstellbar wäre für den Krankenhausverband auch, dies im Zuge des angedachten, aber zwischenzeitlich verschobenen Zubaus zu realisieren.

Pflegeklinik II nach Kufstein?
Im geplanten zusätzlichen Trakt soll nach Planungen der Verantwortlichen eine spezielle Ausrichtung des BKH in Richtung Geriatrie umgesetzt werden. Standortbürgermeister Martin Krumschnabel sähe auch gute Chancen auf die Einrichtung einer "Landes-Pflegeklinik II" in Kufstein. Ehrgeizige Pläne hätten die Umsetzung "in zwei Jahren" vorgesehen, allerdings dürften diese "nicht ganz zu halten sein", so Krumschnabel.
Die bestehende Landes-Pflegeklinik in Hall wurde 1999 vom Land gegründet, um die Versorgung für Personen sicherzustellen, die eine aufwändige Fachpflege benötigen. Sie hat den Status eines Pflegeheims und wird von der Tirol Kliniken GmbH getragen. Sie fungiert als Bindeglied zwischen Akutkrankenhaus und Pflegeeinrichtungen wie etwa Altenheimen. Mit einer zweiten solchen Einrichtung im Unterinntal bestünde für Patienten die Möglichkeit mit weniger Distanz zum Wohnort betreut werdne zu können, ohne in einem Altenwohnheim untergebracht zu werden. "Warum sollte ein pflegebürftiger 30-Jähriger nach einem Unfall nur noch mit Über-80-Jährigen zusammenwohnen?", fragte Krumschnabel provokant in die Runde. Der Bedarf für eine zweite Landes-Pflegeklinik sei gegeben, so die Verantwortlichen. Durch die bestehende Psychiatrie-Station, die Krankenpflegeschule und nicht zuletzt die Lage hätte das BKH gute Voraussetzungen.
"Ich hoffe, dass bald eine Entscheidung fällt", meinte Krumschnabel. Der Verband brauche "politische Signale von oben", um die "Widersprüche zwischen Plänen und Vorgaben aus Land und Bund" richtig zu deuten:
"Sollen wir nun Betten aus- oder abbauen?"

Zudem sieht Krumschnabel Handlungsbedarf in der Ausbildung von Pflegekräften, bekräftigte die Absicht, die Pflegeangebote in den Altenwohnheimen auszubauen und zeigte sich in Bezug darauf "bereit, Voraussetzungen zu schaffen, dass wir in Kufstein niemanden mehr wegschicken müssen".
"Selbsthilfe Tirol"-Präsidentin Maria Grander unterstrich die Wichtigkeit der Einbindung von Selbsthilfegruppen in die medizinische Betreuung: "Ein Gesundheitssystem kommt ohen die Arbeit der Selbsthilfe nicht aus – wir haben jahrezehntelange Erfahrung als Betroffene und Betreuer." 23.000 Menschen sind in Tirol ehrenamtlich in verschiedensten Selbsthilfegruppen organisiert. Die Einrichtung eines Zweigvereins, wie am BKH Lienz, könnte sie sich "in Kufstein gut vorstellen".


80 Prozent der Bevökerung im Bezirk Kufstein sind über die TGKK sozialversichert, sie bezahlt jährlich rund 161 Millionen Euro für Leistungen in Krankenhäusern, bei den 74 niedergelassenen Ärzten und 164 weiteren der insgesamt 238 Vertragspartner im Bezirk.
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