10.06.2016, 09:49 Uhr

Österreichischer Forstverein tagte in Kufstein – 500 Waldnutzer im Austausch

Rund 500 Teilnehmer fanden sich am 9. Juni im Kufsteiner Stadtsaal zur Tagung des Österreichischen Fortsvereins ein.

Wie sehen wir als Gesellschaft den Wald? Wofür steht jeder Einzelne von uns? Und wofür würden wir uns jedenfalls einsetzen? Wie kommen die Interessen der alpinen Forstwirtschaft und die der Freizeitnutzung zu einem gemeinsamen Konsens? Sollen WaldbesitzerInnen von uns als Gesellschaft jedem Anspruch, der an den Wald gestellt wird, Tür und Tor öffnen? Kann die „nicht-forstlich“ geprägte Bevölkerung dabei die Sorgen der WaldbesitzerInnen nachvollziehen? Wie gestaltet sich derzeit der Informationsstand bei allen Teilen der Gesellschaft? – Fragen über Fragen bei der diesjährigen Tagung des Österreichischen Forstvereins in Kufstein.

KUFSTEIN (nos). Donnerstag und Freitag, der 9. und 10. Juni, standen in der Festungsstadt ganz im Zeichen des Waldes. Im Stadtsaal tagte der Österreichische Fortsverein zum Thema "Der Bergwald zwischen Holzfabrik, Funpark und Naturoase".

Beinah 500 Teilnehmer aus ganz Österreich, der Schweiz, Deutschland und Italien fanden sich am Donnerstag im Stadtsaal ein, um spannenden Vorträgen und einer anregenden Podiumsdiskussion zu folgen. Abends luden die Forstfachleute zum Empfang auf die Festung. Am Freitag boten elf Fachexkursionen Gelegenheit, verschiedenste Projekte und Maßnahmen rund um den Bergwald in Tirol zu besichtigen.

Interessenskonflikte der Waldnutzung

Bereits am Donnerstagvormittag fand die Sitzung des Hauptausschusses des Österreichischen Forstvereins und die Vorstandssitzung der "ARGE Alpenländische Forstvereine" statt.
Gegen 13 Uhr begrüßte dann Moderator Günther Schimatzek die Tagungsgäste, die in den verschiedensten Bereichen der Waldnutzung und -pflege tätig sind. "Ein bisschen hat ja jeder das Gefühl: 'das ist mein Wald, da kann ich tun was ich will'", meinte Schimatzek einleitend zum übergeordneten Thema. Für die Teilnehmer galt es, Sorgen und Wünsche auszutauschen und einen gemeinsamen, nachhaltigen Weg der Waldnutzung für alle Beteiligten zu finden.

Forstvereinspräsident Johannes Wohlmacher eröffnete dann die Tagung und begrüßte die Ehrengäste, darunter NAbg Karlheinz Töchterle, BRin Nicole Schreyer und Landesjägermeister Anton Larcher. Es sei "immerwieder notwendig, die eigenen, liebgewordenen Dinge zu hinterfragen", stellte Wohlmacher zu Beginn fest und stellte der Versammlung die Frage: "Ist das der Weg, den wir gehen wollen?" Er warnte davor, dass "alle Schranken abgerissen" würden, damit auch "die Schranken des Anstands" von Waldnutzern, egal ob Sportbegeisterte oder Waldbesitzer. Er plädierte für eine nachhaltige, ganzheitliche Entwicklung und forderte Kommunikation und Kooperation "von Allen", um "gemeinsam etwas zu erreichen".

Auch Tirols Forstvereins-Präsident Kurt Ziegner sprach die "Grenzen, die notwendig sind, weil sie Orientierung geben" an, mahnte aber zugleich, dass diese "auch ver- und behindern können". Es brauche den Beitrag zum Füreinander, um gesellschaftliche Wünsche an den Bergwald zu diskutieren. "Wir werden heute nicht viel über Bäume sprechen, sondern über Menschen und Träume", meinte Ziegner.

Carsten Wilke, Präsident des Deutschen Forstvereins, stellte fest, dass die Fragestellungen in der Bundesrepublik aktuell sehr ähnlich lauten und freute sich über die Einladung zum spannenden Tagungsthema.

Bürgermeister Martin Krumschnabel zeigte sich "ehrlich beeindruckt, wie man bei dieser Tagung an dieses Thema herangeht". Als Bürgermeister eines der größten öffentlichen Waldbesitzers im Land Tirol stellte er fest, dass die Stadt "das Spannungsfeld der Interessen ständig als Herausforderung" begreife und verwies auf bewusste Entscheidungen der Stadtpolitik zum nachhaltigen Umgang mit dem Wald, etwa der Verzicht auf einen Ausbau der Straßen im Kaisertal oder die gestaltungsvariante des Kaiserlifts.

Als erster und prominentester Vortragender stellte sich im Anschluss Ex-Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle dem Auditorium. "Ich habe mich auch gefragt, warum ich diese Einladung erhalten habe", scherzte der Universitätsprofessor und erörterte das Thema "als klassischer Philologe". Vom lateinischen Wortstamm und die Waldbeschreibungen Tacitus' über die Ideengeschichte der Naturrezeption spannte Töchterle dabei den rhetorischen Bogen. Er beschrieb ein "Naturdefizitsyndrom" in der Bevölkerung und stellte fest: "Das ist eine Problematik, die mich besonders beschäftigt: dass dieser Wald als etwas schützenswertes und edles gilt, aber auch immer den Interessen der Menschen dienen muss." Hier ortete er ein grundlegendes Paradox:
"Man schläft gerne im Zirbenbett, aber wehe, man schlägt eine Zirbe im Hochgebrige, dann trifft einen der Bannstrahl des Umweltschützers."



Harald Pechlaner, Institutsleiter für Regionalentwicklung an der Europäischen Akademie Bozen und Professor für Tourismus an der katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, ortet ebenfalls "sehr viele Konfliktpotenziale" und fragte: "Was treibt den Menschen in den Wald?" es gehe im Tourismus-Zusammenhang "nicht nur um den Gast, sondern auch um den Gastgeber". Pechlaner meint: "Dieses Verhältnis leidet!" Es gehe darum, "die Zügellosigkeit des Gastes in den Griff zu bekommen", indem man die "Vielfalt des Waldes vermittelt". Dies sei "grundlegend für Tourismusdestinationen", da Naturerleben ein starkes Entsheidungskriterium in der Urlaubswahl sei, wie er anhand mehreren Studien und Grafiken darlegte. Oft lägen Konflikte zwischen den Interessensgruppen auch an Unwissen:
"Ich orte in der Tourismuswirtschaft wenig Kenntnis über die Waldeigentümer"

Pechlaner plädierte für "ein behutsames Aufklären", das sei "sinnvoll und notwendig". "Vielleicht muss sich am Ende auch der Rahmen ändern", so Pechlaner. Dem modernen, aufgeklärten Gästesegment müsse der Lebensraum Wald besser vermittelt werden, gleichzeitig aber die "Überinszenierung verhindert".

"Blitzlichter"

Drei Kurzreferate, sogenannnte "Blitzlichter", sollten den Tagungsteilnehmern den Blick auf die unterschiedlichen Herangehensweisen in der Alpenregion ermöglichen.
Der Graubündener Mario Riatsch machte als Forst-Betriebsleiter der Gemeinde Scuol den Anfang. Er ist der erst dritte Förster seit 1911 der Gemeinde, die im Nordosten direkt an Ischgl grenzt. Sein Revier ist das größte Wildnisgebiet der Schweiz, so Riatsch. Mit den verschiedenen Waldnutzer-Interessen ist er täglich konfrontiert und hinterfragte im Vergleich der beiden Orte – Ischgl und Scuol – die Grenze zu einer nachhaltigen Entwicklung und wessen Entscheidung dies sei.

Tirols Landesforstdirektor Josef Fuchs brachte den Tagungsteilnehmern das Projekt "Bergwelt Tirol gemeinsam erleben" näher. Fuchs forderte unter anderem:
"Wir müssen uns bemühen, die Interessen der Naturnutzer zu verstehen und sie nicht zu belehren"

Auch sei zu akzeptieren, "dass nicht alle Regeln im Wald bekannt sind". Darum brauche es Zielgruppen gerechte Information, was er am Beispiel der vierteiligen Schutzzonen-Videokampagne verdeutlichte.
Damit der Ausgleich der Interessen von Waldnutzern gelinge, sei es "ganz entscheidend, dass wir auf eine ausgewogene Besetzung der Arbeitsgrupen achten. Alle sollen mitreden dürfen", so Fuchs.
Seiner Meinung nach brauche es attraktive Angebote von lokalen Arbeitsgruppen, damit könne man die Zielgruppen erfolgreich lenken. Die Regeln im Wald müssen verständlich gemacht werden. Weiters rief er in Erinnerung: "Sportwillige zerstören nicht mutwillig, es fehlt ihnen nur an Wissen."

Auch der Südtiroler Roland Dellagiacoma sprach sich dafür aus, die "Formen der Freizeitnutzung" in "geordnete Bahnen" zu lenken. In Südtirol haben sich etwa die lokalen Tourismusverbände mit dem Bauernbund über eine Nutzung von Privatwegen verständigen können – auch, weil es eine Landeshaftpflichtversicherung gibt, die im Schadensfall hier tätig wird. Dellagiacoma hielt auch fest:
"Der Bergwald wird Funpark bleiben, ob wir das wollen oder nicht! Der Spaß hört nur eben dort auf, wo der Schutz beginnt."

Er glaubt, dass die Appelle und Informationen über kurz oder lang fruchten werden, ähnlich wie bei der Artenschutz von Gebirgsblumen mittlerweile funktioniere.

Podium und Exkursionen

Im Anschluss an die "Blitzlichter" kam es zu einer anregenden Podiumsdiskussion, unter anderem mit der Bezirksjägermeisterin Innsbruck-Stadt, Fiona Arnold, Freerideprofi Johannes Hoffmann, Alpenvereins-Generalsekretär Robert Renzler, Mountainbikeprofi Kurt Exenberger aus Kirchberg und der Bürgermeister der "Schutzwaldpartnergemeinde" Hopfgarten, Paul Sieberer.
Sieberer ist seit 1992 Gemeindechef im Brixental und war am Auf- und Ausbau des Leader-Projekts "Woipertouringer" beteiligt, das sich mit dem Spannungsfeld zwischen Sport, Wildhege und Waldpflege auseinandersetzt.
Am Freitag hatten die Forstfachleute Gelegenheit, an elf verschiedenen Exkursionen teilzunehmen: "Schätze des Kaisertales", "Faszination Natur – Moor & Mystikwald erleben", „Mit der Natur arbeiten“, "Waldweidetrennung Brandenberg", "Netzwerk Naturraum Brixental – Woipertouringer", "Kitzbühel – intensiv genutzte Region der Alpen!", "Hotspot Finsingtal", "Burgfräuleins und Waldkinder", "Naturpark Karwendel – der größte Naturpark Österreichs", "Faszination Rad – rund um die Buchensteinwand" und "Faszination Mountainbiken - auf dem Lisi Osl und Gaisberg Trail" standen zur Auswahl. Alternativ waren auch eine Firmenbesichtigung bei "Koller Forsttechnik" oder der "Glaswelten Riedel" möglich.

Der Kongresstourismus soll in Kufstein und dem Tourismusverband "Kufsteinerland" künftig noch stärker forciert werden. Die rund 500 Teilnehmer brachten der Festungsstadt und den Umlandgemeinden etwa 300 Nächtigungen ein.
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