18.10.2016, 20:32 Uhr

Wie bedeutend war die Kinderzeit in Kufstein für mich?

Kufstein: Festung Kufstein |

9. Teil: Die Reise in meine Vergangenheit.


In Wien bin ich in den Kriegsjahren geboren, in Salzburg war ich in Pflege und schon 6 Jahre alt, als ich nach Kufstein kam. In Kufstein habe ich eine Kinder- und Jugendzeit erlebt, die für meine Entwicklung eine wichtige Zeit war.

In Weißach war unser erster Wohnsitz. Bei der Suche nach einer Unterkunft auf meiner Reise, konzentrierte ich mich deshalb auf den Stadtteil Weißach. Was konnte ich wohl erwarten und wiedererkennen?

Weißach war dazumal ein Weyer. Eine Ansammlung von alten Bauernhäusern um einen kleinen Dorfplatz, mit Geräteschuppen und einer Dreschtenne. Vom einen Backofen wusste ich aus Schilderungen, der war aber schon abgebrannt, als ich nach Weißach kam. Ferner war da ein Wasch-und Badehaus, davor ein großer Brunnentrog und eine Feuerwehrhütte mit Löschwerkzeug für den Ernstfall. Es wurde regelmäßig geprobt. Dabei hatte ich die Lederkübel und die Feuertatschen bewundert. In 5 Offiziershäusern wohnten die französischen Besatzer. Mit ihren Kindern spielten wir manchmal, obwohl wir sie nicht verstehen konnten. Zwei große Hallen und einige Baracken standen auf dem Gelände der heutigen Glasfabrik. Sudetendeutsche Auswanderer begannen dort die heutige Glasfabrik aufzubauen.

Wir, Vater, Stiefmutter und ich, wohnten ober dem Lebensmittelgeschäft, einem Neubau, auf Miete. Küche und Schlafzimmer, Wasser auf dem Gang und ein offenes Plumpsklo. Da es noch kein Klopapier gab, wurden Zeitungen zurechtgeschnitten und an einer Schnur aufgehängt. Ich hatte immer lange Sitzungen, denn es gab so viel Interessantes zu lesen. Gebadet wurde einmal in der Woche in einem zinnenen „Schaffel“. Beheizt wurde die Wohnung mit einem allesverbrennenden Herd. Das eingebaute „Grandl“ lieferte das warme Wasser. In kalten Wintertagen kam ein Sägespäne-Ofen auf den Herd. Eine aus Armut geborene Erfindung.

Dann gab´s noch was Besonderes: neben dem Lebensmittelgeschäft, in einem kleinen Häuschen, wohnte eine alte Dame, die bewirtschaftete eine echte Greißlerei. In Parterre war der Stall für ihr Transportmittel, den Esel. Dort befand sich auch das Lager für Petroleum und Fette, Samen und Saatgut, eingemachtes Sauerkraut und mehr. Die obere Etage hatte 2 Räume. Den Schlaf-und Wohnraum und den Verkaufsraum. Auf kleinsten Raum gab es Süßwaren, Kurzwaren, Haushaltswaren, Strümpfe, Leder, Porzellan, Stoffe, Miederwaren, Schmuck, Schreib- und Spielwaren, Lampen usw. Es war ein Geschäft, in dem man alles kriegen konnte.

Regelmäßig in der Sommersaison kamen ein Kesselflicker, ein Scherenschleifer und ein Hufschmid in Weißach vorbei. Die Frachten wurden dazumal noch mit Pferdegespannen erledigt, im Sommer mit den Leiterwagen, im Winter mit Schlitten. Selbst der Schneepflug wurde von Pferden gezogen.

Weiters gab es in Weißach, ein altes Wehrmachtsauto, ein Motorrad und die Glasfabrik hatte einen Lastwagen, der mit einem Holzgasmotor betrieben wurde. Erst mit der Zeit kamen bei den Bauern die ersten Traktoren.

Rundum waren noch Felder, also war genug Platz zum Spielen. Spielsachen waren von älteren Kindern geerbt oder wurden von uns selbst gebastelt. Es gab auch verbotene Früchte. Die Weißäpfel im Frühjahr beim Ganderbauer und die Zwetschgen später beim Weberbauer. Die heimliche Ernte war vorprogrammiert, wir fanden die verbotenen Früchte herrlich, wurden aber oft zu streng bestraft.

Weißach war, als ich ein geschult wurde, noch durch die französische Kaserne und dem Internierten-Lager von der Stadt getrennt. Als Schulkind brauchte ich einen Ausweis, um durch das Lager zur Schule zu kommen.

Unterrichtet wurde in getrennten Klassen von je 50 Schülern, wechselweise vor- oder nachmittags. Wegen des Krieges gab halt zu wenig Lehrer. Zuerst haben wir auf Schiefertafeln mit Griffeln schreiben gelernt. Schlechter war dann, mit der Tinte zu schreiben. Da konnte doch kein Aufsatz gelingen. Wir bekamen in der Schule die Ausspeisung und kriegten auch den „beliebten“ Lebertran.

Täglich 2 Stunden Schulweg, der durch verschiedene Ablenkungen oft länger dauerte, bei Wind und Wetter, das können sich die Kinder von heute nicht mehr vorstellen. Aber für uns war es eine überschaubare Welt.

Der Bericht wird fortgesetzt-
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Petra Maldet aus Neunkirchen | 19.10.2016 | 01:06   Melden
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