02.06.2016, 00:00 Uhr

EM in Frankreich – ÖFB-Präsident Leo Windtner: "Leidenschaft und Geduld"

ÖFB-Präsident Leo Windtner: "Die Betriebstemperatur steigt sicher, aber Nervosität ist nicht angebracht." (Foto: Energie AG/Walkolbinger)

ÖFB-Präsident Leo Windtner im Interview über den Erfolg des Nationalteams, die Arbeit von Willi Ruttensteiner und die Europameisterschaft in Frankreich.

BezirksRundschau: Die Vorbereitungen auf die EM sind in den letzten Woche auf Hochtouren gelaufen...
Windtner: Ja, es wurde hier mit viel Professionalität gearbeitet. Sowohl was das Mannschaftsquartier und die Logistik betrifft – aber auch im Hinblick auf Sponsoren, Reisen und Betreuung. Besonders im Fokus steht natürlich das Sicherheitsthema – auch in diesem Bereich wurde gute Arbeit geleistet. Es wurden Rahmenbedingungen geschaffen, die eine optimale Vorbereitung ermöglichen.

Vor kurzem war ja der Fußballplatz beim Teamquartier noch nicht ganz in Form...
Dafür steht die UEFA gerade und es wurde uns garantiert, dass bis zu unserem Eintreffen in Mallemort am 9. Juni alle Standards erfüllt sind.

Ist eigentlich auch der Präsident schon etwas nervös?
Die Betriebstemperatur steigt sicher, aber Nervosität ist nicht angebracht.

Warum?
Wir haben für die Vorbereitungen alle Maßnahmen gesetzt, die notwendig sind, um optimale Rahmenbedingungen zu schaffen. Resultate kann man ja bekanntlich nicht garantieren, aber dafür alles getan zu haben, das können wir garantieren.

Die Erwartungshaltung in Österreich ist hoch. Vor vier Jahren stand das Nationalteam noch auf Platz 77 der Weltrangliste, jetzt auf Platz elf. Mit dem Erfolg steigt natürlich auch die Fallhöhe – ist das Segen oder Fluch?
Es ist immer besser vorne zu sein als hinten nach zu laufen. Natürlich kann man sagen: Erfolg ist auch ein Verführer. Aber ich glaube unter Marcel Koller und den jetzigen Rahmenbedingungen wird der Erfolg kein Verführer sein, sondern eine zusätzliche Motivation. Es kommen ja einige unserer Top-Spieler zum Team mit einem Meistertitel im Gepäck – das ist sicher eine zusätzliche Motivation.

Sie gelten ja als Förderer von Willi Ruttensteiner und haben auch Marcel Koller nach Österreich geholt. Ist die positive Entwicklung des Nationalteams – und vielleicht auch die Gewissheit Recht gehabt zu haben – eine persönliche Genugtuung für Sie?
Genugtuung ist nicht der richtige Ausdruck. Wie wir vor 15 Jahren gestartet haben, hat es natürlich am Anfang viel Skepsis gegeben. Und Zwischendurch viel Kritik, als die Erfolge nicht sofort da waren. Es hat sich ähnlich verhalten mit der Bestellung von Marcel Koller. Das ist aber der Blick in den Rückspiegel der uns jetzt nicht mehr hilft. Wir können wirklich erfreulich feststellen, dass diese strukturierte Nachwuchsentwicklung, wie wir sie in Österreich eingeführt haben, auch europaweit Anerkennung findet und auch sich in Ergebnissen niederschlägt.
Es war mir immer das wichtigste Anliegen, Nachhaltigkeit zu installieren, um jetzt nicht nur bei der Euro einen Hype zu erleben.

Sind Nachwuchsarbeit und Nachhaltigkeit die Rezepte, die den österreichischen Fußball aus der Krise geführt haben?
Absolut richtig. Das gibt es mehrere Faktoren – die Landesverbände, die Vereine, die Landesausbildungszentren oder auch die Akademien, bei denen auch die Bundesligaklubs gut dabei sind. Das Projekt 12, das Toptalente-Förderungsprogramm, das jährlich eineinhalb Millionen Euro kostet und die zuvor genannten Faktoren hat diesen Erfolg gebracht. Und der Marcel Koller hat aus vielen tollen Einzelspielern ein starkes Kollektiv zu formen.

Wie hoch ist der Anteil von Willi Ruttensteiner an diesem Weg bzw. diesem Erfolg?
Willi Ruttensteiner hat einen wirklich substanziellen Beitrag geleistet, dass wir so weit sind und er leistet ihn noch immer.

Ruttensteiner war ja auch nicht unumstritten. Zahlt es sich jetzt aus, dass er jahrelang so hartnäckig geblieben ist und seinen Weg weitergegangen ist?

Immer wenn man neue Konzepte einbringt, dann müssen die immer erst mit Erfolgen in der Umsetzung bestätigt werden. Und das dauert. Fußball ist eine Sache der Leidenschaft und der Geduld zugleich. Heute können wir aber sagen: Es war richtig, durchzuhalten.

Werden Sie bei der WM 2018 in Russland noch als ÖFB-Präsident mit dabei sein?
Es gibt nächstes Jahr Neuwahlen und es ist nicht unwahrscheinlich, dass ich nochmals kandidiere.

Es gibt ja auch immer wieder Spekulationen, wie lange Sie noch beide Funktionen – Energie AG-Generaldirektor und ÖFB-Präsident – parallel wahrnehmen.
Ich habe einen laufenden Vertrag bei der Energie AG und es ist bisher mit gewaltigen Anstrengungen gelungen beide Jobs voll auszufüllen. Und daher werde ich versuchen, das auch in nächster Zeit so zu schaffen.

Thema Nationalstadion – wie ist da derzeit der Stand der Dinge?
Hier muss man die Dinge sich entwickeln lassen. Wir werben bei der Politik um Verständnis, dass der Bedarf da ist. Mit dem jetzigen Ernst Happel-Stadtion – so toll die Stimmung dort ist – haben wir aufgrund der infrastrukturellen und sicherheitstechnischen Voraussetzungen einfach keine Chance, internationale Ereignisse auszurichten. Wir wollen die Politik davon überzeugen, dass es sich lohnt ein Nationalstadion am derzeitigen Standort des Ernst Happel-Stadions neu zu errichten. Es läuft derzeit eine Studie, die sich mit der Frage Umbau, Ausbau oder Neubau beschäftigt und die werden wir abwarten.

Bis wann wäre eine Entscheidung darüber dann realistisch?
Die Entscheidung müsste jetzt innerhalb eines Jahres fallen.

Zum Schluss: Wer wird Europameister und wie weit kommt Österreich?
Auf den Titel gibt es mehrere Kandidaten, aber es könnte Frankreich die Nase vorne haben. In Bezug auf Österreich: Ich gehe davon aus, dass wir in Frankreich öfter als drei Mal die Nationalhymne hören werden.

(Das Interview führte Thomas Kramesberger)
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