03.05.2016, 13:07 Uhr

Wege im Dschungel der digitalen Unternehmen

Siemens hatte den größten Messestand in Hannover. An diesem Tisch, der wie ein überdimensionaler Touchscreen funktioniert, erklärt Robert Sarcevic (r.), wie die Optimierung von Energiegewinnung und Energieverbrauch künftig funktionieren wird. Im Bild v.l.: Michael Strugl (Wirtschaftslandesrat), Günter Rübig (Obmann der Sparte Industrie, Wirtschaftskammer Oberösterreich), Thomas Stelzer (Forschungslandesrat) und Rudolf Trauner (Präsident der Wirtschaftskammer OÖ).

„Wer aufhört, besser zu werden, hat aufgehört, gut zu sein.“ Dieses Zitat von Philip Rosenthal leuchtet vom Bildschirm am Messestand von Sprecher Automation auf der Industriemesse in Hannover. Es passt aber nicht nur zu diesem Unternehmen, sondern könnte der Leitspruch der gesamten Exkursion sein: Am Dienstag besuchte eine oberösterreichische Delegation, angeführt von Wirtschaftskammerpräsident Rudolf Trauner, Landeshauptmann-Stellvertreter und Referent für Forschung Thomas Stelzer und Wirtschaftslandesrat Michael Strugl, die Industriemesse in Hannover. Von den rund 5200 Aussteller kamen 17 aus Oberösterreich.

HANNOVER. Roboter bewegen sich, Installationen blinken. Menschenmassen schieben sich durch die Gänge. Häufig gibt es kaum ein Durchkommen. Die Industriemesse in Hannover ist nach wie vor ein Magnet für Publikum und Aussteller. An fünf Messetagen besuchten 190.000 Menschen das Gelände der Landeshauptstadt von Niedersachsen.

Energie optimieren

Hauptthema der Messe war die sogenannte „Industrie 4.0“. Das bedeutet die gesamte Digitalisierung der industriellen Produktion. Zahlreiche Beispiele dafür fanden sich auf der Messe. So demonstrierte Siemens beispielsweise, wie die Energieversorgung der Zukunft aussehen könnte: Der Verbauch und die Erzeugung von Energie eines Betriebs lassen sich digital abbilden. Das System berechnet den idealen Energie-Mix und hilft, die Energie optimal einzusetzen und gegebenenfalls überschüssige Energie weiterzuverkaufen.

Deutscher Spitzencluster als Vorbild für OÖ

„Die digitale Strategie ist ein Thema, das alle umtreibt“, sagt Wirtschaftslandesrat Michael Strugl. Während die großen Leitbetriebe in der Industrie 4.0 schon sehr weit seien, würden die mittelständischen Betriebe oft damit kämpfen, anschlussfähig zu bleiben. Hierfür informierte sich Strugl besondes über das Projekt „it's OWL“, einem deutschen Spitzencluster aus Nordrhein-Westfahlen. Dieser schafft es, mit minimalem bürokratischen Aufwand Unternehmen und Forschungseinrichtungen optimal zu verknüpfen. Die Unternehmen der Region sind von diesem Cluster so überzeugt, dass sie insgesamt sogar 20 Millionen mehr als nötig in den Forschungstopf eingezahlt haben (Gesamthöhe 100 Millionen Euro). Dieser Cluster könnte für Oberösterreich einen Referenzcharakter bekommen. Strugl: „Wir wollen in der digitalen Transformation der produzierenden Wirtschaft führend werden.“

Probleme beim Nachwuchs

„Nicht nur bei den Produkten gibt es einen Wettbewerb, sondern auch in der Forschung“, ist das Credo von Bildungslandesrat Thomas Stelzer. Er will vor allem „noch mehr Forschungsgelder von Brüssel“ abholen. Mit dem Start der dualen Ausbildung an den Fachhochschulen sei schon ein großer Schritt in diese Richtung passiert – in manchen Studiengängen gibt es mittlerweile verpflichtende Praxisteile.

Hier hakt Günter Rübig ein, Obmann der Sparte Industrie der Wirtschaftskammer Oberösterreich (WKOÖ): „Wir wollen ein Bewusstsein schaffen, was alles möglich ist“. Die Industrie 4.0 werde vor allem von der Forschung vorangetrieben und eines der wichtigsten Themen sei, hier Nachwuchs zu finden. Dieser Meinung ist auch Michael Strugl. Er fordert: "Es muss Konsequenzen für den Bildungssektor geben." Wirtschaftskammerpräsident Rudolf Trauner warnt vor „überzogenen Vorstellungen, dort, wo es um Umwelt und Naturschutz geht.“ Außerdem werde in Oberösterreich nach wie vor zu wenig investiert.

Bei einem Rundgang durch die endlos scheinenden Messehallen wird deutlich, was Technologie aus Oberösterreich alles kann: Angefangen von komplexer Datensammlung und -analyse bis hin zur Entwicklung von neuen Werkstoffen und Verfahren konnte man sich beim Stand der Upper Austrian Research (UAR) überzeugen. „Unsere Stärken liegen bei den Informations- und Kommunikationstechnologien, in der Automatisierung und der Werkstofftechnik“, sagt Wilfried Enzenhofer, Geschäftsführer der UAR.

30 Millionen Investment, 150 weitere Mitarbeiter

Auch bei der Mark Holding in Spital am Pyhrn tut sich einiges. Das Unternehmen hat eben erst einen hydraulischen Zylinder aus Karbon entwickelt, der nur halb so schwer wiegt, wie ein Zylinder aus Stahl. Er kann beispielsweise bei Baumaschinen, LKW oder Flugzeugen eingesetzt werden. Der Zylinder sei aber nur ein „kleines Baby“ des Unternehmens im Bezirk Kirchdorf, wie Chef Rudolf Mark versichert. Etwa 150 hochpräzise, kleine Teile der Firma aus Spital befinden sich in jedem europäischen Fahrzeug. Sie werden in die Bremsen, das ABS oder die Airbags eingebaut. Innerhalb der kommenden zwei Woche soll sich entscheiden, ob das Unternehmen einen Großauftrag bekommt – dann werden am oberösterreichischen Standort weitere 150 Mitarbeiter eingestellt, 30 Millionen investiert und der Umsatz soll von 60 auf 100 Millionen Euro pro Jahr steigen. Ausbauen will Mark aber so und anders. Der Zuschlag würde die Expansionspläne jedoch beschleunigen.

Laser und Silikon aus Marchtrenk

Trotec und Starlim Sterner sind zwei Unternehmen aus Marchtrenk, die ebenfalls bei der Messe auf sich aufmerksam machten. Trotec ist ein sehr international aufgestelltes Unternehmen. Es hat in 16 Ländern weltweit Niederlassungen und baut Laser für Beschriftungen, die mit einer speziellen Software gekoppelt sind. Mit so einem Laser kann man nämlich nicht immer nur ein- und denselben Gegenstand beschriften, sondern dank der Software aus Marchtrenk verschiedene Materialien, Oberflächen und Formen. Starlim Sterner erzeugt Silikonteile in Spritzgusstechnik. Am Standort Marchtrenk hat das Unternehmen rund 700 Mitarbeiter. „Zwischen sieben und neun Teile von uns sind in jedem Auto drinnen“, sagt Roland Pirsic mit Stolz. Derzeit gehe aber der Trend sehr stark in den medizinischen Bereich, vor allem zu Materialien, die direkt am Patienten genutzt werden.

Kommen wir wieder zurück zu Sprecher Automation. Dieses Unternehmen aus Linz sorgt zum Beispiel dafür, dass die Stromversorgung der deutschen Bundeshauptstadt Berlin funktioniert. Das bedeutet, dass das Unternehmen für die Übertragung, die Versorgung und die Sicherheit des Stromnetzes in Berlin verantwortlich ist. Dafür verwendet Sprecher Automation ein eigens programmiertes Betriebssystem. Weitere Zukunftsmärkte für die Firma aus Linz sind der Iran und Russland. Das Produkt „SPRECOM“, das den Mittelpunkt des Messeauftritts bildete, wird zu 80 Prozent exportiert. Zudem hat Sprecher Automation eine eigene Unternehmenskultur. „40 Prozent der Mitarbeiter sind als stille Gesellschafter beteiligt“, sagt Geschäftsführer Erwin Raffeiner. „Daraus ergibt sich auch eine intensivere Kommunikation mit den Mitarbeitern.“ Derzeit arbeitet ein Viertel der Belegschaft in der Forschung und Entwicklung.
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