22.09.2016, 12:36 Uhr

SOS – Notruf der Ärzteschaft

Mehr Landärzte mit Kassenverträgen - das fordert die Österreichische Ärztekammer. (Foto: Jeanette Dietl - Fotolia.com)

Versorgungsengpässe auf allen Systemebenen: Ärztekammer will den Bundeskanzler für einen nationalen "Gesundheitsversorgungsgipfel" motivieren.

Jede Menge "Baustellen" in unserem Gesundheitssystem beklagt die Österreichische Ärztekammer (ÖÄK). Deren Vizepräsident, Dr. Johannes Steinhart, beurteilte in einer Pressekonferenz am 22. September die Situation als mittlerweile so bedenklich, dass sich Bundeskanzler Kern persönlich für dringend notwendige Weichenstellungen einsetzen sollte. Dr. Steinhart’s Notfallplan: ein "institutionenübergreifender Gesundheitsversorgungsgipfel" mit allen Systempartnern. Zusätzlich sollte die Bevölkerung befragt werden, was sie in der Krankenversorgung für wichtig erachte und was nicht.

Dauer-Baustellen

Die von der Ärztekammer genannten Baustellen verteilen sich quer über alle Bereiche der ärztlichen Versorgung. Medial steht derzeit vor allem der massive Konflikt der Wiener Spitalsärzte mit dem Krankenanstaltenverbund im Vordergrund. Es gibt aber auch in einzelnen anderen Bundesländern Bestrebungen, in die Arbeitseinteilung der Spitalsärzte laufend einzugreifen, z. B. weitere Nachtdienste zu streichen. Das seit Jänner 2015 weitgehend umgesetzte Krankenanstalten-Arbeitszeitgesetz mit maximal 48 Wochenstunden bedeutet laut Dr. Steinhart gleiches Arbeitsaufkommen bei reduzierter ärztlicher Arbeitszeit: „Anstatt die Zahl der Mitarbeiter zu erhöhen, sehen wir vielfach Personalabbau, De-facto-Aufnahmestopps und Überstundenverbote.“

Arbeitszeitbegrenzung der Spitalärzte

Die Arbeitszeitbegrenzung der Spitalärzte erschwert natürlich auch den Betrieb der zahlreichen Ambulanzen. Das war absehbar und sollte durch einen Ausbau der Patientenbetreuung in Ordinationen kompensiert werden. „Auch hier sind die Systemverantwortlichen säumig“, kritisierte der ÖÄK-Vizepräsident. „Seit 1999 stagniert die Zahl der Kassenvertragsärzte, derzeit sind es 8.165. Die Bevölkerung ist in diesem Zeitraum aber um 700.000 gewachsen.“ Laut Ärztekammer wären inzwischen 1.400 zusätzliche Kassenstellen erforderlich. Die Tatsache, dass vor allem für ausgeschriebene Landarztpraxen immer öfter Bewerber ausbleiben, verschärfe den Versorgungsnotstand im niedergelassenen Bereich.

Wahlärzte unverzichtbar

Diese Lücke füllen zu einem gewissen Teil die fast 10.000 Wahlärzte ohne Kassenverträge. „Wenn der Hauptverband der Sozialversicherungen nun den Spitalskollegen diese für die Krankenversorgung unverzichtbare Freizeit-Tätigkeit verbieten möchte, sei das kontraproduktiv“, gab Dr. Steinhart zu bedenken. „Das System funktioniert nur noch, weil die Wahlärzte zu einem großen Teil die Versorgungsmankos kompensieren.“ Aus Sicht der Ärztekammer biete das Sozialversicherungssystem im Verbund mit Gesundheitspolitikern den Ärzten zunehmend unattraktive Arbeitsbedingungen, weshalb viele Jungärzte Jobs im Ausland bevorzugen, was dem bereits spürbaren Ärztemangel Vorschub leiste.
„Es muss etwas geschehen“, betonte der Ärztevertreter, „und es muss dabei strukturiert und auf breiter Basis vorgegangen werden.“ Der Vorschlag, einen „institutionenübergreifenden Gesundheitsversorgungsgipfel“ zu initiieren, soll Bundeskanzler Kern in den nächsten Tagen unterbreitet werden.
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