14.06.2016, 17:16 Uhr

Flüchtlingskoordinator Christian Konrad über Krisenstäbe, Notstand und zur Lage

"Es zeigt sich, dass dort, wo die einheimische Bevölkerung persönlich in Kontakt mit den Flüchtlingen tritt, Vorurteile rasch abgebaut werden."

Im August 2015 wurde der ehemalige oberste Raiffeisen-Manager Christian Konrad von der österreichischen Bundesregierung zum Flüchtlingskoordinator bestellt. Bei einer Veranstaltung der "Arbeitsgemeinschaft proEthik" der Wirtschaftskammer Österreich gab Konrad einen Einblick in seine Tätigkeit. Die Regionalmedien Austria waren exklusiv dabei.

Über die Hilfe der Bevölkerung

Viele leisten Großartiges: Bundesheer, die NGOs, die Behörden – aber ohne den unglaublichen Einsatz der Zivilgesellschaft würde das alles nicht so relativ gut funktionieren. Österreich hat die Flüchtlingskrise deshalb viel besser im Griff als Deutschland.

Über die "Gfraster"

Natürlich sind bei den Flüchtlingen auch Gfraster dabei. Die gibt es aber überall. Deshalb wehre ich mich entschieden gegen Verallgemeinerungen.

Über Theorie und Praxis

Nur g'scheit daherreden und nicht dementsprechend handeln, geht absolut nicht. Bei mir zu Hause wohnen deshalb ein Iraker und seine zwei Söhne. Seine Frau und Tochter sind noch in der Türkei.

Über den nationalen Notstand

Die Zahl der Flüchtlinge, die bisher hier geblieben sind, würde gerade zwei Mal das Wiener Ernst Happel Stadion füllen. Ich würde da nicht von Notstand sprechen sondern eher von einer außergewöhnlichen Situation.

Über Krisenstäbe

Im Innenministerium tagte ein Krisenstab. Mit sage und schreibe 35 Leuten. Die Krisenstäbe, die ich bis dahin kannte, hatten so drei, vier Mitglieder. Außerdem gab es zwei Krisenstäbe. Einen für die Transitflüchtlinge und einen für die Asylwerber. Die beiden Krisenstäbe haben zu Beginn nicht unbedingt wirklich voneinander gewusst.

Über Genehmigungen

Als Traiskirchen mit 5.000 Flüchtlingen vollkommen überfüllt war, haben wir dort sofort Container aufgestellt. Das war plötzlich bei den zuständigen Behörden ein großes Problem. Weil es für die Container keine ordnungsgemäße Genehmigung gab. Dahinter steht die Angst von an sich hervorragenden Beamten irgendein Gesetz zu verletzen.

Über "glorreiche" Ideen

Weil wir zunächst Engpässe bei den Asylverfahren hatten, wollte die damalige Beamtenstaatssekretärin Sonja Steßl Postbeamte dafür abstellen. So etwas geht halt nicht. Die Genehmigung eines Asylantrags ist ein Hoheitsakt, den nicht jeder Beamte einfach so tätigen kann.

Über 2015 und die aktuelle Lage

In Österreich sind im Vorjahr rund eine Million Flüchtlinge angekommen. Davon sind 90.000 hier geblieben. Derzeit haben wir 85.000 Asylwerber im Land: 41.000 Männer, 16.000 Frauen, 28.000 Kinder und Jugendliche.

Über die größte Gefahr

Von den 28.000 Kindern und Jugendlichen ist ein Drittel völlig unbegleitet ins Land gekommen. Die meisten davon sind zwischen 14 und 18 Jahre alt. Denen widme ich meine volle Aufmerksamkeit. Die müssen rasch Deutsch lernen. Und sie brauchen eine Arbeit, um sich integrieren zu können. Nichts ist gefährlicher als arbeitslose Jugendliche. Das ist generell so.

Über unsere Sozialpartner

Was die Integration der Asylberechtigten in den Arbeitsmarkt betrifft, so sollen die Sozialpartner gefälligst nach kreativen Lösungen suchen. Ich höre immer nur, was nicht alles in den Kollektivvertrag passt.

Über die aktuelle Lage - Teil 2

Derzeit werden in Österreich wöchentlich 1000 Asylanträge gestellt. Seltsam übrigens, dass das eigentlich aus den Medien irgendwie verschwunden ist. Die meisten Flüchtlinge kommen derzeit über Ungarn. Der Brenner ist momentan nicht das Thema. Wobei man sagen muss, dass die Italiener tatsächlich oft keinerlei Kontrollen durchführen.

Über seine Zukunft

Am 30. September höre ich auf. Das war von Beginn an ja so ausgemacht. Dann bin ich wieder Pensionist und gehe Jagen.
0
1 Kommentarausblenden
6
Randa Steinfeldt aus Zwettl | 15.06.2016 | 11:07   Melden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.