08.07.2016, 00:30 Uhr

voestalpine-Chef Wolfgang Eder: "Österreich liegt ganz vorne"

"Unter steuerlichen Aspekten gibt es viele Standort-Alternativen zu Kapfenberg, auch wenn wir natürlich hier gerne investieren würden", sagt Wolfgang Eder im Interview. (Foto: Martin Parzer)

Wolfgang Eder, Chef des Weltkonzerns voestalpine, über Europa und Österreich im Vergleich zu Amerika.

Die voestalpine ist in 50 Ländern auf fünf Kontinenten mit 500 Standorten aktiv. Welcher Standort ist der beste?
WOLFGANG EDER: Wir haben viele gute Standorte. Vom Wissen und Engagement der Menschen her liegt aber Österreich ganz vorne. Schließlich haben wir hier auch die größte Tradition und unser Headquarter. Deshalb setzen wir uns auch so für diesen Standort ein und äußern uns immer wieder zu wirtschaftspolitischen Grundsatzfragen.

Steht Europa der Industrie feindlich gegenüber?
Europa ist zweifellos nicht mehr industriefreundlich. Das spiegelt sich auch am Anteil der Industrie am Bruttoinlandsprodukt wider. Im Jahr 2000 hatte die Industrie in der EU noch einen BIP-Anteil von 20 Prozent. Heute sind es nur mehr 14 Prozent.

Was ist der Grund?
Aufgrund einer zunehmenden politischen, aber auch gesellschaftlichen Distanz zwingt man die Industrie geradezu, mehr außerhalb Europas als innerhalb zu investieren. Das ist wenig überraschend, wenn man sich in Europa die Kostenstrukturen ansieht.

In Österreich beschäftigt die voestalpine 23.000 Leute. Bleibt das so?
Wenn es die Rahmenbedingungen, d.h. die Politik in Österreich und Europa, zulassen, ja.

Was heißt das?
In Österreich hat die Industrie noch einen BIP-Anteil von etwa 19 Prozent. Seit den 1980er-Jahren gibt es allerdings auch hier eine massive gesellschaftliche Entwicklung, die in der Beschränkung auf Dienstleistungen die Zukunft sieht. Aber viele Dienstleistungen würde es ohne Industrie gar nicht geben. Ohne Industrie viel weniger Handwerker, Ingenieure, IT-Experten, Spediteure, Banker und so weiter.

Was ist das größte Problem in Österreich?
Die Mängel im Bildungssystem. Wenn 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung nicht einmal einigermaßen lesen und schreiben können, ist das ein existenzielles Problem.

Wie sieht es mit den Fachkräften aus?
In Oberösterreich haben wir kein Rekrutierungsproblem, wenngleich auch hier die Zahl der Bewerber sinkt. Wir nehmen in Oberösterreich jährlich 130 Lehrlinge auf. Früher haben sich bis zu 1400 Jugendliche beworben, jetzt sind es etwa 800.

Wie sehen Sie den Standort Oberösterreich, der ja einer der wichtigsten ist?
Hier wird derzeit in Arbeitsgruppen intensiv daran gearbeitet, ein Einvernehmen in langfristigen Grundsatzfragen zwischen den Unternehmen und der Politik herzustellen. Der Handlungsbedarf ist aber evident.

Was ist mit dem Erzberg?
Der Erzberg, der übrigens im Eigentum einer eigenen Stiftung steht, ist für die nächsten Jahre gut abgesichert. Die Mengen, die wir von dort beziehen, haben wir zuletzt sogar erhöht.

Werden Sie im steirischen Kapfenberg wirklich groß investieren?
Wir entscheiden das nächstes Jahr. Entscheidende Faktoren sind die EU-Klima- und Energiepolitik sowie die künftigen Standortbedingungen in Österreich. Also: wie lange dauern die Genehmigungsverfahren? Wie sieht es mit Arbeitszeitflexibilisierung aus? Wohin entwickeln sich die Steuern?

Keine Maschinensteuer also.
Österreich steht unter anderem in puncto Steuern in Konkurrenz zur gesamten Welt. Und gerade unter steuerlichen Aspekten gibt es viele Standort-Alternativen zu Kapfenberg, auch wenn wir natürlich hier gerne investieren würden.

Hat Kapfenberg überhaupt eine Chance gegen einen Standort etwa in Amerika?
In Texas fahren wir gerade ein neues Werk hoch. In den USA hat man da steuerlich operativ deutliche Vorteile. Die Genehmigungsverfahren laufen transparent und termingetreu ab. Die Auflagen unterscheiden sich kaum von hier. Das stärkste Argument für Europa aber ist zweifellos das Wissen der Menschen.

Sind die USA cooler?
Die Gesamtstimmung ist in den USA einfach unvergleichlich positiver. Behörden und Politiker schätzen Investoren und ihre Projekte, begleiten sie konstruktiv und unterstützen sie in jeder Hinsicht.

Interview: Thomas Winkler, Wolfgang Unterhuber

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