23.05.2016, 13:10 Uhr

Ein gefährliches Wahlergebnis für das rot-grüne Wien

Alexander Van der Bellen beim Urnengang am Sonntag. Er holte in Wien 61 Prozent (ohne Wahlkarten). (Foto: Burghardt)

Jubel in den sozialen Netzwerken über den Erfolg Van der Bellens in Wien. Aber inwieweit hat man die FPÖ wirklich in die Schranken gewiesen? Eine Analyse.

WIEN. 61 Prozent holte Van der Bellen in Wien. Die Folge: Überschwängliche Posts von FPÖ-Gegnern auf den sozialen Netzwerken. „Mein Wien“ (mit Herz-Emojis versehen), „Danke Wien“ et cetera. Dass das ein unglaublicher und auch historischer Erfolg für den überparteilichen (aber eigentlich doch grünen) Kandidaten Alexander Van der Bellen ist, steht außer Frage. Aber ist das Ergebnis wirklich so zum Jubeln? Hat man die FPÖ wirklich in ihre Schranken gewiesen? Nein.

Ja, im Gegensatz zum ersten Wahldurchgang wurde statt in fünf nur noch in zwei Bezirken mehrheitlich blau gewählt. Von Zurückeroberung kann man trotzdem nicht sprechen. Dass keine blaue Mehrheit in den meisten Bezirken zustande kommt, wenn nur noch zwei Kandidaten zur Auswahl stehen, ist nur mäßig überraschend. Und man darf eines nicht vergessen: Auch die FPÖ hat historische Höchstwerte in Wien eingefahren.

Simmering und Floridsdorf sind – wie auch schon im ersten Wahldurchgang – blau. Zumindest ohne Wahlkarten. Das war erwartbar. Der 11. Bezirk hat bereits seit der vergangenen Wahl einen FPÖ-Bezirksvorsteher. In Floridsdorf hat sich bei der Wien-Wahl erst nach den Briefwählern das Blatt zugunsten der SPÖ gedreht. Erwartbar, ja. Aber ganz so achselzuckend sollte man das nicht abtun. Immerhin hat die FPÖ noch nie zuvor mehr als die Hälfte der Wähler in einem Bezirk für sich gewinnen können. Und jetzt haben die Blauen das sogar in zwei Bezirken geschafft.

Die belächelten Flecke Wiens

Ebenfalls nicht zu vernachlässigen: In Liesing. Donaustadt, Meidling und Favoriten hat die FPÖ die 40 Prozent-Marke geknackt. In Penzing und Brigittenau verfehlte Hofer nur knapp die 40 Prozent. Und auch an anderen Ecken Wiens sollte man genau hinschauen: In Ottakring zum Beispiel. Dort erreichte Hofer in einem Sprengel ganze 78 Prozent – mehr als in seiner Heimatgemeinde Pinkafeld. Die Flächenbezirke – und andere belächelte Flecken Wiens – haben mit dieser Wahl also ein deutliches Zeichen gesetzt.

Aber man hat ja noch die gründominierten Innenstadtbezirke. Allerdings liegt dort die Wahlbeteiligung wie in Neubau mit 53, 5 Prozent deutlich hinter Liesing (58,4 Prozent) und Donaustadt (57,5 Prozent). Es ist nicht verwunderlich, dass Menschen aus Bezirken mit weniger Problemen, es für weniger notwendig erachten, wählen zu gehen. Trotzdem muss man hier in Zukunft noch mehr auf die Mobilisierung der Wähler setzen. Sonst kann man den zahlenmäßig ohnehin schon überlegenen Außenbezirken nicht mehr lange etwas entgegen setzen.

Trotz allem gibt es beim Lagerwahlkampf in Wien einen eindeutigen Sieger. Aber bei den nächsten Wahlen werden sich die Menschen, die Van der Bellen gewählt haben, um Hofer zu verhindern, wieder auf Rot, Schwarz, Grün und Pink aufteilen. Ob genauso viele Wähler bei den Blauen wegbrechen, ist mehr als fraglich.

Also ja: Es ist ein historischer Wahlerfolg für die politische Linke. Aber wenn Wien rot-grün bleiben will, darf man sich nicht blenden lassen. Und sich nicht darauf ausruhen.

Hintergrund:
Blog: Dieser Wahlabend hat der Demokratie gut getan
Rückblick: Das war der gesamte Wahltag
Bericht: Ergebnis der Stichwahl in Wien
Bericht: So entschieden die Wiener Sprengel
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Peter Schebeczek aus Mistelbach | 23.05.2016 | 19:35   Melden
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