14.04.2016, 08:46 Uhr

Die Anmutung der Schweizer

Lisa Batiashvili im Wiener Konzerthaus (Foto: Die Presse)
Man freut sich, wenn das Tonhalle-Orchester Zürich wieder im Konzerthaus gastiert. Die Schweizer dürften ein Wiener Stammpublikum bedienen, so herzlich war die Aufnahme. Gut, Brahms hat zu wenig Eleganz für Wiener Ohren, Dvořák ist etwas zu grob geraten, aber alles in allem war es eine gute musikalische Darbietung.

Aber von vorne: Zum ersten Stück von Jörg Widmann „Con brio. Konzertouverture für Orchester“ heißt es im Programmheft: „Unschwer lässt sich festmachen, dass die Magie seiner Musik wohl vor allem darin festzumachen ist, dass sie zwar unverkennbar eine zeitliche Sprache spricht, sich aber zugleich eines Vokabulars bedient, das abseits des Modere-Festivals auch ein breites Publikum nicht vor unlösbare Rätsel stellt…..“. Soll heißen: hörbare Musik eines Zeitgenossen, der mit gewaltiger Kraft ein Breitwand-Epos in die Welt setzt. Es war spannend zu hören, wie sich ein Musikentwickler der Gegenwart mit dem Schaffen der Vergangenheit - etwa Beethoven - auseinandersetzt. Der deutsche Komponist Widmann ist in Österreich kein Unbekannter - 2014 war er "composer in residence" in Grafenegg.

Johannes Brahms‘ Konzert für Violine, Violoncello und Orchester op. 102 lebt vor allem von der Virtuosität der Solisten Lisa Batiashvili und Gautier Capuçon. Die Harmonie zwischen den beiden Künstlern und dem Orchester war packend und anregend. Auch wenn mein Konzertbegleiter – selbst Musiker – bemängelt, dass ihm in der Schweizer Fassung die Wiener Leichtigkeit Brahms‘ fehle. Über die Georgierin Batiashvili, die kurz vor dem Bürgerkrieg 1991 mit ihrer Familie nach Deutschland übersiedelte, lässt sich vieles berichten. Sie stammt aus einer durch und durch musikalischen Familie: Vater Geiger, Mutter Pianistin, und die Schwestern Khatia und Gvantsa Buniatishvili sind ebenfalls gefragte Solistinnen exzellenter Güte. Lisa ist in diesem Triumvirat eine Klasse für sich, die sich in die Orchestermusik einfügt und dennoch heraussticht. Ein Genuss.
Ich fürchte, dass ich mich schon zu lange ausgedehnt habe.

In Antonin Dvořáks Symphonie Nr. 8 op. 88 hätte ich mir eine durchgehend slawische, ruhige Spielweise wie im ersten Satz gewünscht. Mein Konzertbegleiter eher nicht. Ihm hat das Tempo und die Ausdrucksstärke gefallen. Ich denke, so differenziert hat es auch das Publikum empfunden. Der reiche „Landwirt“ Dvořák schöpfte als Komponist wunderbare Werke, und er verbot sich Stress, obwohl er in Angeboten erstickte. Dass er durch sein Wirken Wohlstand erreicht hatte, war eine willkommene Begleiterscheinung. Im Konzerthaus ist seine Musik auf jeden Fall gut angekommen, und das Publikum hat dank des kräftigen Applauses eine Zugabe erwirkt.

Chefdirigent Lionel Bringuier und das Tonhalle-Orchester Zürich haben in Wien ihre Meriten gezeigt und sind uns auch 2017 herzlich willkommen.
Next für ein Abo: Orchester international, 9 Konzerte, u.a. mit den Londoner Philharmonikern, dem Staatlichen Sinfonieorchester Russlands und der New Yorker Philharmonie.

Infos und Tickets: www.konzerthaus.at

Reinhard Hübl
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