12.07.2016, 12:17 Uhr

Das Bergdrama in der Martinswand I

Am Ostermontag des Jahres 1490 begab es sich, dass der deutsche Kaiser Maximilian I. in der Nähe der Hauptstadt Innsbruck, zwischen den Gebirgen des linken Innufers, auf die Gemsenjagd auszog. [Maximilian I. Sohn Friedrich III., wurde erst 1493 Kaiser] Der Kaiser befand sich gerade damals bei seinem Oheim, dem siebzigjährigen Erzherzog Sigismund von Tirol, zum Besuch, wobei er einen glänzenden Hofstaat, Herren und Damen, Rittern und Edelknechten begleitet wurde. Fast täglich trieb ihn seine leidenschaftliche Liebe zur Jagd in die Alpen hinaus, und auch heute, Berg auf und ab, mit seinem Geschoss und Armbrust verfolgte Kaiser Maximilian die flüchtige Gemse. Obzwar wohl bekannt mit dem Zirlergebirge, hatte er sich diesmal doch etwas zu weit gewagt, und die gefährliche Beute verlockte ihn nur immer höher hinauf.
Nach der Tafel brachen auch alle übrigen Gäste, samt den Erzherzog Sigismund, der in einer Sänfte getragen wurde, von Innsbruck auf, um den Kaiser in seinem Jagdgebiet zu überraschen. Allein dieser war nirgends anzutreffen. Nach langen und bereits sorgenvollen Nachsuchungen ergab es sich bloß, dass der Kaiser vor mehreren Stunden in der Gegend der sogenannten Martinswand gesehen worden sei.
Die Martinswand nämlich ragt eine halbe Stunde von dem Städtchen Zirl, dicht an der Heerstraße empor; ein steiler, rauer, beinahe senkrechter Abhang eines der höchsten (!) tirolischen Berggipfel, mehr als 296 Klafter hoch [rund 1.89 m]. Beinahe in der Mitte desselben ist ein nicht minder steiler und überhängender Absatz, zu dem man mit Springstangen und Steigeisen durch eine durchbrochene Höhlung gelangen kann, von welchem jedoch ehemals kein Entkommen mehr möglich war. Mehrere Unglücksfälle hatten sich hier schon ereignet, als der unerschrockene Mut den mit allen Gefahren der Jagd vertrauten Kaiser beim Verfolgen eines Gemsbockes bis in die Nähe der eben genannten Höhlung verführte. Kühn und furchtlos erschien er zuerst am höchsten Gipfel des Felsens, Mit Leichtigkeit sah man ihn die schroffe überhängende Wand, bloß auf seine Springstange gestützt, herunterklimmen, ein Anblick des Grauens und Entsetzens! Plötzlich gibt ein Stein nach, der Kaiser fällt zwei Klafter lang hinab, von hier kann er aber nicht mehr weiter.
Namenlose Überraschung ließ im ersten Augenblick niemanden die Gefahr in ihrer ganzen Schrecklichkeit erkennen, aber wenige Sekunden reichten dazu hin. Die dem Kaiser nachfolgenden Jäger, die seinen Fall nur wahrgenommen, aber ihn von oben herab nicht einmal mehr sehen konnten, rangen auf der höchsten Kuppe der Martinswand verzweifelt die Hände, die Luft mit ihrem Klageruf erfüllend. Unten in den Gemütern der, zu festlicher Freude und Lust beim Klang des Hiefhorns und der Schalmeien versammelten Fürsten und Grafen, und in den Herzen der treuen Tiroler herrschte ein versteinender Schrecken über diesen fürchterlichen Übergang. Was fromme Treue, was glühende Anhänglichkeit und Sorge um das teure, dem Hungertode preisgegebene Leben des angebeteten Kaisers, was Kühnheit und Erfindungsgeist nur immer vermögen, wurde zur Rettung aufgeboten. Der greise Erzherzog bot Geld und Gut. Es wurde nach den Schwazer Bergknappen gesendet. Alles sollte, so schien es, nur dazu beitragen, das entsetzliche Bild der Unmöglichkeit einer Erlösung zur rechten Zeit zu steigern und zu vollenden.
Der Kaiser gab sein Verlangen nach den heiligen Sakramenten zu erkennen. Der von dem nahen Zirl herbeigeeilte Priester segnete den für verloren geachteten Kaiser von Martinsbühel hinauf mit der Monstranz. Von Dorf zu Dorf, von Hügel zu Hügel gaben Lärmfeuer das bestürzende Zeichen einer noch unbekannten Not. Atemlose Boten rannten hin und wieder, und der Reiter auf das Ross, das auf der Erde ausgestreckt, suchten den blitz und den Schall zu überbieten. Wo die Nachricht hindrang, erscholl unaufhörlich das Sterbeglöcklein, als läge das ganze Land auf einmal in Todesnöten. Alt und Jung strömte zu heißen Flehen in die Kirchen zu den Gnadenbildern, zu frommen Männern. Viele Tausend Menschen aus dem Inntal zogen mit Fahnen und Trauermusik zu der Martinswand; beide Innufer waren von ihnen bedeckt. Jeder Augenblick der Verzögerung schien ein unersetzliches Unglück.
Schluss siehe II.
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