02.06.2016, 18:07 Uhr

Eine mysteriöse Familienfehde

Die Hauptkommerzialstraße von Wien und Ungarn war schon immer ein bedeutender Verkehrsweg. Von ihr zweigten Straßen nach Ungarn, Kroatien und der Lombardei ab; diese Wege frequentierten bedeutende Persönlichkeiten, wie Adelige, Kaiser und Päpste. Anfangs des 18. Jahrhunderts baute Österreich die Hauptkommerzialstraße zu einer leistungsfähigen Verkehrsader aus, wovon auch der Ort Leitring mit der Landschabrücke profitierte. Den prominenten Reisenden standen entlang der Straße neu erbaute, gut ausgestattete Herbergen zur Verfügung, die dort mit der Dienerschaft und den Reisewagen rasteten.
Ein solches Etablissement befand sich in Leitring anfangs des 19. Jahrhunderts und trug den Hausnamen Neuwirth. Der stockhohe Bau steht heute noch an der Bundesstraße. Dieses Haus sollte als Ausgangspunkt schrecklicher Ereignisse berüchtigt werden, von denen heute noch Spuren zu finden sind.

Ein Zeuge berichtet von einem geheimnisvollen Vorfall und dem Verschwinden einer Person:
„Am 24. November 1711 Nachts ein vornehmer Herr aus Wallischland in Leitring ankhumen, nach Wilton abgeraist und mit Frau und Kind, mit Ross und Wagen verschwunten, weilen er dort nicht ankhumen. Der Gemeinde von der Kanzel verkündigt und nichts erfragt worden.“

Die angestellten Nachforschungen über den Verbleib, der angeblich aus Italien stammenden Reisegesellschaft, blieben erfolglos. Es kursierten zwar Gerüchte in der Bevölkerung, doch die brachten die Bezirksverwaltung Seggau nicht weiter. Erst nach 24 Jahren kam wieder Bewegung in den Fall der vermissten Reisenden, als man in der Nähe der Ruperti-Kirche in Gralla auf ein Grab mit einem unbekannten Toten stieß. Man fand Hinweise, dass der Begrabene aus Neapel stammte und erinnerte sich an die abgängige Reisegruppe aus Leitring.
Wirklich Licht in die Ereignisse brachte ein Schreiben, das von einem General an der serbischen Grenze nach Graz übermittelt worden war. Der Inhalt war folgender:
„Die Schwester eines moldauischen Fürsten, welche bis zum Tode ihres Bruders in strengem Gewahrsam eines Klosters bei Jassy gehalten wurde, hat ihre Freiheit erhalten und reist nach Italien. Es ist die Gräfin Alberghi, welche auf einer Reise nach Deutschland vor 24 Jahren in Steiermark ihren Gemahl und ihr Kind verloren. Diese Dame wurde mir vom kaiserlichen Residenten in Jassy[heute Rumänien] mit der Bitte empfohlen, ihr in Steiermark alle Assistenz zur Auffindung einer Spur ihrer verlorenen Angehörigen zu verschaffen. Ich ersuche Sie also usw.“

Einige Tage später wurde durch eine Staffete die in Begleitung eines russischen Obersten mit Gefolge und vier Wagen reisende Gräfin Flavia Alberghi angesagt.
„Gräfin Alberghi, erzählte der Oberst Demischeff, ist die Schwester des jüngst verstorbenen moldauischen Fürsten, der für sie eine der glänzendsten Verbindungen des Landes aushandelte. Graf Alberghi, ein neapolitanischer Oberst, sah sie, gestand ihr Liebe und fand Erwiderung. Sie wurden heimlich getraut. So lebten sie einige Monate auf dem Schloss des Fürsten. Als dieser mit seinem Vermählungsplan hervortrat und die Gräfin sich in gesegneten Umständen fühlte, flüchteten beide glücklich nach Polen. Der Fürst ließ Nachforschungen anstellen, um das Paar zu entdecken. Die Flüchtenden mieden deswegen Hauptstraßen und nahmen Umwege in Kauf. Im Zipser Gebirge in Ungarn brachte die Gräfin ihren Sohn zur Welt. Nach einigen Monaten fuhren sie über Kroatien in die Steiermark, um über Deutschland und Holland, sich nach Italien einzuschiffen. In einem Flecken in der Steiermark trafen sie unglücklicherweise mit dem Fürsten zusammen, der sich selbst aufgemacht hatte, seine Schwester aufzuspüren. Das Zusammentreffen war schrecklich und schnell entschieden. Der Fürst und Graf Alberghi verschwanden aus dem Gasthof. Nach Mitternacht kehrte der Fürst allein zurück. Die Gräfin und die Amme mit dem Kind wurden aufgepackt, der Wagen des Grafen angehängt, und Tag und Nacht ging die eilige Reise in die Moldau zurück, wo die Gräfin in ein Kloster gesperrt und bis zum Tode ihres Bruders gefangen gehalten wurde. Die Amme mit dem Kind war wenige Stunden nach dem mysteriösen Vorfall verschwunden. Vom Verbleib ihres Ehegatten und des Kindes hatte die Gräfin während ihres Gewahrsams im Kloster nichts erfahren.“

Als die Gräfin Alberghi selbst auf Spurensuche nach Leitring kam, deutete die Gräfin auf das Gasthaus. Das ist es, sagte sie. Ich irre mich nicht. Sie ließen die Pferde angespannt und traten in den Gasthof. Ja richtig, sprach die Gräfin, da die Treppe hinauf. Links zwei Zimmer. Im Vorsaal trafen sich mein Bruder und mein Gemahl. Beide warfen sich in meines Mannes Wagen und fuhren los. Ich wurde mit Amme und Kind im Zimmer festgehalten. Nach Mitternacht kam dann mein Bruder allein zurück. Er sprach mich mit Frau Witwe an. Dann brachten sie mich in den Wagen. Ja das ist das verhängnisvolle Wirtshaus. Nachdem wir durch eine kleine Ortschaft und über einen hohen Berg gefahren sind, wurde die Amme mit dem Kind aus dem Wagen gehoben. Damit ich ruhen könnte, sagten sie mir, wolle man beide in einen anderen Wagen bringen. Mein Bruder setzte sich zu mir. Seitdem habe ich die Amme und das Kind nicht mehr gesehen. Sie erkenne aber ihren Sohn an einem Körperzeichen. Was nun mit Sicherheit festgestellt werden konnte, war, dass der Tote von Gralla Graf Johann Alberghi geheißen und Offizier in neapolitanischen Diensten und ihr Ehegatte war. Wo blieb aber das Kind von Graf und Gräfin Alberghi?

Es gelang, das ehemalige Kindermädchen zu eruieren, das zugab, den Knaben damals bei einem Bäckermeister in Groß-St. Florian weggelegt zu haben, weil sie damit nichts anzufangen wusste. Der Sohn wuchs bei seinen Pflegeeltern auf, ohne von seiner Herkunft zu wissen. So fand die Kriminalgeschichte doch noch ein glückliches Ende.

Es ist geschichtlich erwiesen, dass zwischen dem ungarischen Hochadel und dem Königshaus in Neapel seit dem Mittelalter enge familiäre Beziehungen bestehen.
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