16.03.2016, 16:52 Uhr

Flieder in Österreich

So oft der Flieder wieder blüht und mit seinen duftenden Frühlingsgrüßen unser Herz erfreut, wollen wir uns erinnern, wie er in unsere Heimat kam. In Wien, auf der Mölkerbastei, dort, wo wir die letzten Restchen Alt-Wiens auf die Ringstraße hinunterschauen, stand bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts Ecke der Teinfaltstraße das Haus „Zur Hollerstaude“. Dort war die Wiege des Flieders, von dort eroberte er sich die blumenliebende Wienerstadt und bald darauf ganz Österreich. Jahrhunderte sah das altertümliche Häuschen kommen und gehen. Frohe Jahre, schwere Zeiten, geruhsames Leben, Krieg und Pestilenz.
In diesem Haus wohnte vor bald 400 Jahren der berühmte Gelehrte Angerius Ghislain des Busbeck. Er hatte an den bedeutendsten Universitäten seiner Zeit studiert und wurde von Kaiser Ferdinand I. nach Wien berufen, der ihn später, die Fähigkeiten dieser Zierde der Wissenschaften hoch einschätzend, als Botschafter nach Konstantinopel entsandte.
Viele Jahre verbrachte Busbeck in Konstantinopel, erwies sich als geschickter Diplomat, sammelte in seiner freien Zeit für die Wiener Hofbibliothek über hundert seltene Handschriften und schrieb mehrere für die Geschichte der damaligen Zeit wertvolle Werke. Nach dem Tod Ferdinand I. übersiedelte Busbeck wieder nach Wien, wo ihn Maximilian II. mit der Erziehung seiner Söhne betraute und außerdem die Oberaufsicht über die Hofbibliothek übergab.
In Konstantinopel hatte sich Busbeck, seiner Liebhaberei und seinem Wissensdrang folgend, viel mit dem Studium der Pflanzen und Tiere des Orients beschäftigt, die Botanik um manche neuer Erkenntnis bereichert, und als er wieder nach Wien kam, außer vielen anderen Pflanzen auch die Rosskastanie, den edlen Kalmus und den Flieder in die Stadt an der blauen Donau mitgebracht.
Die Wiener kamen aus der entzückten Bewunderung nicht heraus. Solange der Flieder duftete und blühte, umstanden sie das Blumenwunder in Busbecks Hausgärtchen. Wer an der Tür des blumenliebenden Gelehrten klopfte, bekam einen Ableger. Bald gehörte es zum guten Ton, einen Fliederstrauch im Garten zu haben, und wenige Jahre später war Wien bereits die Stadt des Flieders geworden, von wo er sich, (da alle die nach Wien kamen, nahmen Ableger mit sich nach Hause) über ganz Österreich verbreitete.
Sonntagspost vom 15. Mai 1960.
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