12.07.2016, 12:03 Uhr

Mittelalterliches Bergdrama II

Schluss:
Zwölf Stunden hatte Kaiser Maximilian bereits in dieser furchtbaren Lage zugebracht. Allmählich sank er erschöpft und in seinen Tod ergeben auf den harten Felsen nieder.
Die Schwazer Bergknappen waren endlich angekommen. Verwegene Alpenjäger hatten gleichfalls Versuche gemacht, sich seiner Stelle zu nähern. Die Knappen hatten auf der obersten Abdachung ein Gerüst aufgeschlagen, des Willens, starke Seile von dort herunter zu lassen, um den Kaiser so heraufzuziehen. Aber noch bevor sie ihre Zurüstungen geendet hatten, war ein kühner Gemsenjäger durch alle Todesschrecken und Hindernisse hindurchgedrungen, und hatte, in Gemeinschaft mit einem zweiten, den verschmachtenden Kaiser an starker sicher Hand auf den rechten Pfad zurückgeführt.

Die Sage schreibt diese, allerdings wunderbare Rettung einem schützenden Genius zu, der nachher in dem großen Menschengedränge verschwunden sei. Aber das Wahre an der Sache ist, nach Kaiser Maximilians Tagebuch Folgendes: Der eine, von des Kaisers Rettern nämlich, war ein Jäger namens Zipfer; der andere ein Schwazer Bergmann, wahrscheinlich in den Diensten der Fugger. Der kühne Zipfer soll den verlorenen Gebieter, ihn endlich erblickend, angerufen haben:“Holla! Herr Kaiser lebt ihr noch?“ „Ich laure“ (auf Rettung) war die Antwort. Sogleich hat er nun den Kaiser gefasst, ihm an Händen und Füßen mit Beihilfe des Schwazer Bergmannes, Steigeisen angesetzt. Und als man von dem schwindelnden Abhange glücklich entkommen und ein zweiter Retter, der Bergmann aus Schwaz, zur weiteren Hilfeleistung erschienen war, rief der Kaiser beruhigt:“O, nun geht’s heim!“ worauf er bald dem harrenden Erzherzog in die Arme sank.
Unten angelangt, beschenkte der gerettete Maximilian die beiden Männer nicht nur kaiserlich, sondern erhob sie beide in den adeligen Stand.
„Wohlan“, sprach er, „du heißest nicht Zipfer mehr, sondern Hollauer, zum Andenken der ersten beiden Worte, die wir in Jammer und Not gewechselt; und weil dieser hohe Felsen mein Grab geworden wäre, so du mich nicht gerettet, so heiße auf ewig Hollauer vom Hohenfelsen; und du mögest fortan, nach dem Ausruf meiner Sehnsucht von Oheim heißen, samt Siegel und Helm für Kinder und Enkel zu schreiben, zu unterschreiben, und Euch dessen aller Orten zu gebrauchen.“
Die Hollauer haben auch wirklich die springende Gämse mit dem Alpenblümlein, auf weißem Felsen und blauen Grunde; die hessischen Oheim eben daher einen Gemsenschädel mit sieben Blutstropfen im Familienwappen.
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Bettina Strejcek aus Deutschlandsberg | 12.07.2016 | 16:05   Melden
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Friedrich Klementschitz aus Leibnitz | 14.07.2016 | 12:49   Melden
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